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Die Wonnen des Dazugehörens

Die Erschaffung des An-Gestell-ten” habe ich das zweite Kapitel von “Der menschliche Kosmos” überschrieben. Es löste heftige Gegenwehr aus – vor allem bei Angestellten, die sich zu Unrecht angegriffen sahen.

Das Ziel des Textes war nun keineswegs eine Attacke auf Menschen, die erfolgreich davon leben, ihr Einkommen durch ein vertragliches Arbeitsverhältnis zu sichern und so ihre Familien zu versorgen, sondern eine Attacke auf die organisierte Verantwortungslosigkeit in der Praxis solcher Verhältnisse. Ein leitender Angestellter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat das auf die Formel gebracht “Ich bin nur der Kugelschreiber des Fernsehdirektors”.

(…) Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet – als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.

Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben – nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ – sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten – oder dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgend einer der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.

Am Ende bleibt eigentlich nur eine – neue – Angst: aus dem Gestell herauszufallen. Sie ist Spielart einer Urangst. (…)

Je länger ein Mensch in einen Sozialverbund eingebettet ist, desto stärker hängt sein Selbstwertgefühl von dessen Ritualen und der Rolle ab, die er spielt. Verstößt ihn die Gemeinschaft, verliert er für lange Zeit – womöglich für immer – den Halt. Es gibt Individualisten – Selbständige – die an diesem Konflikt wachsen, manche werden zu erfolgreichen Führungspersönlichkeiten, zu Künstlern, Exoten, andere scheitern nachhaltig: als Tyrannen, Dauerpatienten in der Psychiatrie, Selbstmörder, Amokläufer.

Das lebenslange Spannungsverhältnis zwischen Individuum und sozialem Umfeld bringt aber auch den Typ des Mitläufers hervor, der offene Konflikte meidet, sich jedenfalls lieber anpasst als aneckt. Er entwickelt ein geradezu süchtiges Verhalten nach Konformität und er ist das “Futter” jeder hierarchisch aufgebauten Organisation wie ihr Fluch, denn er ist grundsätzlich illoyal. Er ist ein “Herdentier” – und das ist ein “evolutionsgeschichtlich erfolgreiches” Verhaltensmuster. Ihm haftet nur unter Menschen ein dunkler Zug an: “schwarze Schafe” müssen weggebissen werden, erbarmungslos, wenn’s das Herdenritual verlangt. Das zwanzigste Jahrhundert kennt mörderische Höhepunkte solcher Rituale. Nichts war und ist besser mit Argumenten bewaffnet, als die Rechtfertigungen der Gewalt, von Angestellten “im Namen des Volkes” oder der Partei ausgeübt.

Solche Figuren haben mich als Parteigänger der SED und Stasi-IM umwedelt, so lange sie sich Vorteile versprachen. Vergleichbare Karriereopportunisten finden sich in den Hierarchien des Westens ebenso wie in China: Sie schwingen Transparente für das Gute, gegen das Unrecht in der Welt – und sie zögern keine Sekunde, jedermann – ihre Freunde eingeschlossen – hinzuhängen, wenn ihre “Einbettung” in der Herde, im Gestell, es verlangt. Kracht es im Gebälk ihrer Korporation, schielen sie nach neuen Heerzeichen, um die sie sich sammeln können; wer dabei im Wege ist, wird weggekeult. Dabei blöken sie zum Erbarmen ihre Rechtfertigungsphrasen: Sie können nicht anders, wer quer steht, ist selbst schuld, wenn es ihn trifft.

Wer die Krisen und Konflikte der Finanz- und Staatswirtschaften daraufhin anschaut, welches Individualverhalten die zerstörerischen Kräfte treibt, wird unvermeidlich auf die organisierte Verantwortungslosigkeit treffen, die im Gestell der Geldmaschinen Rädchen und ein paar Stunden später Wutbürger in der Horde ist.

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Die Lust am Quälen und die Widerstandskraft der Banane gegen die Frage “Warum?”

Dies ist eine Leseprobe zur Neufassung von „Der menschliche Kosmos“ – Kapitel 1. Das Vorwort ist bereits online

Beginnen wir die Entdeckungsreise in Nachbars Garten an der „Köttelbecke„, also einem der offenen Abwasserkanäle des Emschersystems im Ruhrgebiet. Die kleinen Gärten hinterm Reihenhaus sind in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so typisch wie die im Sommer oft übel riechenden Betonrinnen für Abwässer quer durch die Siedlung; sie können wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen nicht unterirdisch verlegt werden. Unsere Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, sind trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie haben sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus sind. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängt, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergt etwas viel Kostbareres. Dort steht – in Reichweite, nicht etwa in der einige Gehminuten entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank ist das Bier.

Es ist für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer streiten. Sie reden ausdauernd aufeinander ein und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfeln in beleidigenden Worten. Ein solcher Zyklus der Aufregung läuft aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer von beiden mehr und schneller trinkt, aber einerlei: es käme anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, eines dann also erforderlichen Ganges in die Küche unterbrochen werden müsste. Tatsächlich ist der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Die beiden quälen einander mit Hingabe, sie genießen Bier und Beschimpfungen gleichermaßen (die Texte variieren nur wenig), sie haben an Schwung und Emotionalität nie eingebüßt. Es ist sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen. Nicht einmal Anlässe lassen sich erkennen – außer dass die Sonne scheint und Bier im Kühlschrank ist.

Wenn wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen können, währt ihre Beziehung trotz dauernder Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir beginnen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen streiten, die auszuräumen wären. Sie streiten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizen und ankeifen, geht es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern soll, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigt. Es handelt sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht ist. Und genau deshalb, wegen dieser zum Ritual gewordenen Dynamik, unterscheiden sich die Konflikte unserer Nachbarn nicht von den Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Verstopfte Zukunft

Das ist eines der Gedichte aus den Jahren des Berufsverbots in der DDR 1985 bis 1989. Ich hatte viel Zeit, Augen und Ohren offen zu halten, nachzudenken, meine Hausaufgaben zu machen.

 

Auf Autobahnen springt kein Ball

Beton begräbt vergessene Kinderspiele

der liebe Gott verschwindet fern im All

Gevatter Tod starb längst in seiner Siele.

Bunt lockende Unsterblichkeit quillt aus Maschinen

der Schnupfen wird zu einem Lieblingsfeind

wir üben lächelnd, Apparaten dienen

Schmerz ist vermeidbar: es wird nicht geweint.

Es wird gelächelt. Und es wird bestätigt.

Einander. Jeder sich. Und jeder jeden.

Die schöne neue Welt wird aufgenötigt

durch Fernsehbilder und durch Zeitungsreden.

Die Sonne scheint in Breitwand und Color

in Betten triumphiert die Nettigkeit

Erschütterung kommt praktisch nicht mehr vor

gesichert fressen wir die Zukunft heut.

Etwa zur selben Zeit schrieb Rudolf Bahro, 10 Jahre nachdem er mit seiner “Alternative” den “Real existierenden Sozialismus” radikal analysiert hatte, sein Buch “Logik der Rettung”. Viele der damals gestellten Fragen sind heute dringlicher als je.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” (6)

(zurück zu Abschnitt 5)

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da “aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden, die nach den Zielen der “in der Vergangenheit” Handelnden, die nach ihrer auf diese Ziele gerichteten Wahrnehmung führt zu Einsichten bezüglich einer Dynamik, die sich wiederholen kann. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer fragt, solange  Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann Konfliktverläufe beeinflussen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf andere wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, sich “Tugenden” und “Laster” säuberlich scheiden lassen. 

Die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, müssen gesprengt werden, wenn wir die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstehen wollen. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben die Brüchigkeit dieser Ketten längst offenbart. Alle Strategien, die an diesen Ketten hängen, können die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht abwenden. “Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, das auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann.

Der Perspektivwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ von Modellvorstellungen von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Davon handelt dieses Buch. Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es das unvollkommenste Buch aller Zeiten, weil es ganz darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

In Kürze folgt die überarbeitete Fassung von Kapitel 1. Der 2006 im Salier Verlag Leipzig veröffentlichten Originaltext ist im Handel, beim Verlag oder direkt beim Autor zu bestellen. Große Teile sind bei der google Buchsuche verfügbar.

Geld integriert, Geld spaltet

Integration ist ein Dauerthema deutscher Medien. Da Baden-Baden etwas Besonderes ist – ein Fokus deutscher Bindungen an die Welt gewissermaßen -, da hier schon seit dem 19. Jahrhundert die Mächtigen promenieren, bekommt Integration hier auch eine besondere Bedeutung. In Baden-Baden leben außerdem die – auf die Bevölkerungszahl bezogen – meisten von staatlicher Fürsorge Abhängigen des Bundeslandes. Teil 3 der Romantrilogie „Wolkenzüge“, einer deutschen Familiengeschichte zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert dokumentiert, wie sich die Nation vernünftigerweise auflöst, da sich niemand „abschaffen“ will.

Candides Kosequenz

Wichtig? Nur der eigene Garten!


Gustav ist zurückgekehrt ins gesegnete Baden-Baden, einen der schönsten Orte der Welt, wo sich Geldwäsche wirklich lohnt. Die Stadt ist dankbar, wenn zerfallende Gründerzeit- und Jugendstilvillen von reichen Russen, Arabern, Kapitalgesellschaften jedweder Herkunft gekauft und saniert werden. Deutsche Privatvermögen gesunden bei solchen Verkäufen, in deren Folge Mauern und Sicherheitskameras schmiedeeiserne Einzäunungen in Toplagen ersetzen. Einzelhändler, historische Bäder, Kliniken, Arztpraxen, Autowerkstätten, selbst die Stadtverwaltung stellen russischsprachige Mitarbeiter ein, der Markt erzwingt Integration in ganz anderer als von Sozialromantikern erwünschter Richtung: die Deutschen müssen sich globalen Trends assimilieren. Nur das Fernsehen bleibt sich treu: die bügelnde deutsche Hausfrau über 60 ohne Fremdsprachenkenntnis ist Zielgruppe.
Am Augustaplatz leisten wenige Aufrechte Widerstand gegen die neoliberale Marktwirtschaft. Mit gezückter Bierflasche, solidarisch im Kreis entflammten Fluppen lassen sie die soziale Gerechtigkeit hochleben, würden niemals zu chinesischen Konditionen ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten. Gustav Horbel versteht das, er war in China.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (3)

(Fortsetzung)
(zurück zu Abschnitt 2)
Wenn wir dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen wollen, dann müssen wir vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Wir müssen aufhören, nach vermeintlichen Ursachen zu fragen. Sie sind häufig nichts als nachträglich rechtfertigende Schleier vor dem, was eigentlich das Geschehen treibt: vor den ZIELEN der Handelnden – sie wollen erkundet werden.
Wir müssen imstande sein, die Perspektive zu wechseln.
In den nächsten zehn Jahren wird sich unser Weltbild revolutionieren. Die „Kopernikanische Wende“ wird sich dagegen bescheiden ausnehmen, denn es ist vor allem das Menschenbild, das völlig neue Farben und Konturen offenbaren wird. Einen beachtlichen Beitrag dazu lieferte der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“ zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“
Das mechanische Weltbild, von dem sich die Physik seit Beginn des 20. Jahrhunderts entfernte, dem aber Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien blind vertrauen, wird abgelöst werden. Es sieht das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von durch Ursache und Wirkung verknüpften Vorgängen und den Menschen als herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Beobachtungs-instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. Dieses Weltbild entspricht sehr gut der Wechselwirkung zwischen unserer Umgebung, unseren Sinnen und unserem Gehirn. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte die Ausrottung von Krankheitserregern und „Schädlingen“ – diese Ausrottungsfeldzüge führten aber zum Heranwachsen von immer gefährlicheren Krankheitskeimen, und „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems und erschuf neue. Die Frage „WARUM“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert. Lernen wir endlich zu fragen „WOFÜR“.
(Fortsetzung: Abschnitt 4)

Vorwort zu „Der menschliche Kosmos“ (2)

(Fortsetzung)
(Zurück zu Abschnitt 1)
Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist die Frage nach einem Konfliktverhalten, das Gewalt so eng wie möglich begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Fast jeder hat schon erlebt, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebensowenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.
(Fortsetzung – Abschnitt 3)

Medien, Geldmaschinen – und die Zukunft der Kultur

Schneeglöckchen

Vorboten? Glücksboten - gratis!

„Gratiskultur“ ist beinahe ein Schimpfwort. Es zielt wohl auf eine Haltung, die sich mit dem Slogan „Ich – alles – sofort – gratis!“ verkürzen ließe und ungehemmtem, egoistischem Anspruch eignet. Freilich soll dieses Schimpfwort inzwischen die freie Verfügbarkeit von Inhalten im Internet allgemein disqualifizieren.
Das macht mich hellhörig. In diesem pejorativen Gebrauch äußert sich die Wut von Geldmaschinenbetreibern, denen es partout nicht gelingen will, auch noch die Atemluft – wie schließlich jegliches Lebensbedürfnis und jede Lebensäußerung – zu verwerten.
Ich gestehe ganz offen: ich bin ein Kind der Gratiskultur und werde alles tun, zu ihrer Ausbreitung beizutragen. Den absolut größten, den wesentlichen Teil meines Lebens verdanke ich nämlich nicht der Warenwirtschaft, sondern dem unmittelbaren Umgang mit Menschen, den Gaben Gottes in Form der uns umgebenden Natur und meiner Bereitschaft, nach bestem Vermögen – und dabei handelte es sich eben nicht um Geld – mit beiden in Austausch zu treten. Was ich an Liebe empfing, war ebenso gratis wie die Einführungen in Literatur, Musik, Umgangsformen, die ich durch meine Großmutter erfuhr. Die Gegenleistungen, die mir abverlangt wurden, waren Neugier, Lernbereitschaft eine Lebendigkeit und ein Wachstum, an denen sich andere freuten. Es war und ist bis heute wechelseitiges Nutznießen der Ganzheit von Menschheit und Welt, in die alle Arbeit vorangegangener Generationen eingeflossen ist: so kostenlos wie unbezahlbar. Nur ein kleiner Teil der Güter ist handelbar; einige davon sind unentbehrlich: Essen, Trinken, Kleidung, ein Dach überm Kopf, Energie zum Heizen. Je älter ich werde, desto geringer wird mein Bedarf an Habseligkeiten, aber auch meine Bereitschaft, im Markt der Medien mitzuwirtschaften, dessen Waren mich nicht interessieren.
Markt und Geld sind sehr spezielle Werkzeuge, mt denen der Mensch seine Reichweite bis tief in die Prozesse von Natur und Kultur erweitern konnte. Wir stehen heute vor der Frage, ob wir zu den Werkzeugen der Werkzeuge werden. Werde ich wirklich nur von einer Arbeit leben können, die vermarktbar ist?
Einen großen Teil meiner Texte stelle ich gratis in Netz – „Der menschliche Kosmos“ ist bei googles Buchsuche in wesentlichen Teilen lesbar. Und darin fühle ich mich mit vielen anderen Urhebern verbunden, die Dasselbe tun: gratis, zum Nutzen der Allgemeinheit hat ein Fotograf das Bild des Schneeglöckchens bei Wikipedia hochgeladen. Es ist ein Bild der Hoffnung.
Einen Beitrag zur Kultur jenseits des Kommerzes leistet seit ein paar Monaten auch das Webportal „Human Pictures“. Wer Filme, Videos, Clips mit sozial engagierten Inhalten dort hochlädt, tut es gratis und erhält ebenso gratis eine redaktionelle Bewertung. Es soll mehr daraus werden: ein Netzwerk engagierter Filmemacher und eine weltweite Unterstützung für Bildungsprojekte. Gratis, aber nicht umsonst.

Dank an Hilde Buchwald

Beim Unterricht mit Schauspielstudenten

Hilde Buchwald an der Berliner Schauspielschule


Wenn ich demnächst für SWR 2 „Leben“ ein Feature zum Thema „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ produziere, dann verdanke ich einiges Hintergrundwissen, vor allem aber eigene Körpererfahrung meiner Bewegungslehrerin am Regieinstitut in den Jahren 1975 bis 1978. Hildegard Buchwald-Wegeleben erweckte in uns Studenten Körpergefühl und Körperbewusstsein. Dass unsere Erinnerung – vor allem die an soziale Interaktion – tief verwurzelt ist und sich durch die Arbeit des Schauspiels auf eindrucksvolle Weise eine eigene Welt auf der Bühne und im Film erschafft, habe ich erst viel später verstanden. Heute führt diese Erkenntnis zu völlig neuen Möglichkeiten in der Psychotherapie.
An solchen Entwicklungen sind immer viele Menschen beteiligt, wenige prägen sich so nachdrücklich ein wie Hilde. Am Ende des Jahres 2010, da mit „Babels Berg“ auch Gustav Horbels Weg zum Theater veröffentlicht ist, sage ich Hilde noch einmal von Herzen Dankeschön.

Ermutigung mit Zeitzünder

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber wenn nach vier Jahren ein Buch so gelobt wird, wie „Der menschliche Kosmos“ jetzt vom wirklich sachkundigen Andreas Zeuch auf „psychophysik.com“, dann ist es ein deutliches Zeichen für die Frische der Texte und ein Grund zur Freude:
„Wer sich von – wie es auf dem Buchrücken selbst lautet – „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.“