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"Wir sind Gedächtnis" – und Konflikt

Korte_MWir_sind_Gedaechtnis_177610Wollte ich alle Informationen aufzählen, die mir bemerkenswert erschienen beim Lesen dieses Buches – womit sollte ich beginnen? Und wieviel wird meine Erinnerung bewahren können von der Fülle angebotenen Materials aus der Hirnforschung, aus der Theorie des Lernens, der Psychologie und last but not least Verbindungen zur Literatur, Kunst, Musik? Es wird jedenfalls – und der Experte Martin Korte erklärt auch, wieso – ein Bruchteil dessen sein, was ein Experte zu verdauen in der Lage wäre. Immerhin habe ich Fachleuten das Vergnügen voraus, viel mehr Neues und Unbekanntes zu erfahren, oder Bekanntes in überraschenden Zusammenhängen zu entdecken.  Mit etwas Kreativität sollte es möglich sein, vielen am Thema Interessierten die Lektüre von “Wir sind Gedächtnis” nahezubringen.

Kortes Reise durch den „Kosmos im Kopf“ beginnt beim „autobiographischen“ Gedächtnis, und wie in den folgenden Kapiteln erstaunen sogleich die Leistungen unseres Gehirns, verblüfft aber auch, wie wenig von seinen Prozessen uns bewusst wird. Stillstand kennt es nicht, darin gleicht es dem Universum und dem Mikrokosmos der Elementarteilchen. Astronomische Zahlen beschreiben die Dimensionalität der Vernetzung, der Signalwege, der chemischen und energetischen Abläufe. In Raum und Zeit konfiguriert sich das Gedächtnis fortwährend neu – der größte Teil dieses Eigenlebens bleibt uns verborgen. Immerhin hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel Neues über Strukturen und Funktionen herausgefunden. Korte erläutert das anhand zahlreicher Abbildungen, er kommt auf den Erkenntnisfortschritt seit der Antike und dem Hl. Augustinus zurück, benennt wichtige Stationen bis in die Gegenwart und Beiträge bedeutender Forscher. Seine Fähigkeit, souverän das große Forschungsfeld zu überblicken, verbindet sich mit Freude am Erzählen. Wenn er etwa über neue Erkenntnisse zur Rolle des Schlafs beim Lernen spricht, ist die Begeisterung des Lernforschers zu spüren. Zitate aus der Fachliteratur sind ebenso wie solche von Ovid über Shakespeare bis zu Nietzsche, Freud, Marcel Proust und Homer Simpson als „Gedankenflüge“ passend zum Titelbild typographisch eingebunden: So macht Lesen Spaß.

Das Kapitel über die „Auslagerung“ individuellen Wissens in die weltumspannenden digitalen Netzwerke weckte meine Aufmerksamkeit. Korte referiert das Für und Wider, die Grenzen und Defizite des „Multitaskings“, die Vorteile des „Learning bei doing“. Er stellt die Bedeutsamkeit kultureller Kontexte gegenüber schierem Vermitteln von Fakten heraus und befürchtet, dass Internetgewohnheiten das Denken selbst verändern. Dazu führt er „eine nicht zu vernachlässigende Deprivation unseres Stirnlappens“ an, „der eben vor allem damit beschäftigt ist, die Gefühle, Einstellungen und Empfindungen unserer Mitmenschen im sozialen Kontext zu erahnen…“. Leider beleuchtet er die Bedeutung der nonverbalen Signale – der Mienen, Gesten, Laute – für die Kommunikation nur allzu kurz, obwohl er ihnen 70 bis 80% des Geschehens zuordnet. Sie bilden sich schon im Mutterleib, werden zwar abhängig von der Lernumgebung nach der Geburt individualtypisch ausgeprägt, bleiben aber lebenslang tief im Unbewussten des Gedächtnisses verankert. Sie sind menschenallgemein, wenn auch kulturell überformt. Fast jeder versteht sie – unabhängig von der Sprache – richtig: Wer kein Deutsch kann, wird kaum freundlich auf ein aggressives „Du Depp!“ reagieren. Er würde sich aber kaum beleidigt fühlen, wenn ich ihm mit von Herzen kommender Bewunderung und einem Lächeln sagte: „Du bist ein Depp ohnegleichen!“.

In Grenzen sind – etwa bei Schauspielern – solche emotionalen Signale trainierbar,  sie formen gleichwohl zwar stabile, vor allem aber kaum zu beeinflussende Persönlichkeitsmuster. Und sie können enorme gruppendynamische Kraft entfalten – im Jubel der Stadien, in Rührung und Gelächter des Theaterpublikums, im Johlen des Mobs, im Kriegsgeschrei. Die vielbegackerten Echokammern und Filterblasen des World Wide Web erscheinen als Surrogat solcher Interaktionen und aller möglichen sozialen Rituale und Rollen. Aber auch in virtuellen Beziehungen zwischen Menschen steuern Emotionen und Impulse tief im Gedächtnis das Verhalten. Korte streift den Zusammenhang noch einmal im Kapitel über das Vergessen, wenn er auf „Narben der Erinnerung“ – meist in der Kindheit erlittenener Verletzungen – zu sprechen kommt, und im vorletzten Kapitel die Zerstörung des „kollektiven Gedächtnisses“ durch Kriege und totalitäre Systeme anspricht, aber er lässt Fragen nach Wut, Hass, Ekel, Aggressivität, Machtgier, Habsucht, Rachedurst… außen vor – auch die nach Liebe, Altruismus, Empathie – und beschränkt sich alles in allem auf kognitive Aspekte. Ein umfänglicher Abschnitt über die Alzheimer-Krankheit und das Schlusskapitel mit Tipps, wie einer sein Gedächtnis fit hält, ließen mich an jene konfliktscheue Wissenschaft denken, die von wohlmeinenden Medien gern „eingekauft“ und als „trinkbare Information“ (die Formulierung stammt von einem ehemaligen Fernsehdirektor) dem vermeintlich minder verständigen Publikum verabreicht wird.

Wen schließlich meint das „Wir“ im Titel? Alle Menschen? Eine wohlversorgte, aufgeschlossene Leserschaft? Letztere wünsche ich dem Buch, falls sie weitergehende Fragen stellt, ist das ganz im Sinne des sympathischen Autors und seiner Lernforschung. Die von ihm kurz angedeutete Idee, man könne Vorurteile – also womöglich Feindbilder – aus dem Gedächtnis mittels Workshops ausräumen, erscheint mir gleichwohl so lächerlich wie gespenstisch. Kürzlich schlugen – so war in Medien zu lesen und zu hören – Bonner Wissenschaftler vor, das Hormon Oxytocin gegen Fremdenfeindlichkeit zu verabreichen. Solange derart mechanistisch mit dem – auch für das Lernen – unvermeidlichen Konfliktgeschehen der realen Welt kalkuliert wird, bleibt das kollektive Gedächtnis der Menschheit – also unseres – bedroht.

Martin Korte “Wir sind Gedächtnis”, DVA Sachbuch 2017, 384 Seiten, 20 €

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Verstopfte Zukunft

Das ist eines der Gedichte aus den Jahren des Berufsverbots in der DDR 1985 bis 1989. Ich hatte viel Zeit, Augen und Ohren offen zu halten, nachzudenken, meine Hausaufgaben zu machen.

 

Auf Autobahnen springt kein Ball

Beton begräbt vergessene Kinderspiele

der liebe Gott verschwindet fern im All

Gevatter Tod starb längst in seiner Siele.

Bunt lockende Unsterblichkeit quillt aus Maschinen

der Schnupfen wird zu einem Lieblingsfeind

wir üben lächelnd, Apparaten dienen

Schmerz ist vermeidbar: es wird nicht geweint.

Es wird gelächelt. Und es wird bestätigt.

Einander. Jeder sich. Und jeder jeden.

Die schöne neue Welt wird aufgenötigt

durch Fernsehbilder und durch Zeitungsreden.

Die Sonne scheint in Breitwand und Color

in Betten triumphiert die Nettigkeit

Erschütterung kommt praktisch nicht mehr vor

gesichert fressen wir die Zukunft heut.

Etwa zur selben Zeit schrieb Rudolf Bahro, 10 Jahre nachdem er mit seiner “Alternative” den “Real existierenden Sozialismus” radikal analysiert hatte, sein Buch “Logik der Rettung”. Viele der damals gestellten Fragen sind heute dringlicher als je.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” (6)

(zurück zu Abschnitt 5)

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da “aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden, die nach den Zielen der “in der Vergangenheit” Handelnden, die nach ihrer auf diese Ziele gerichteten Wahrnehmung führt zu Einsichten bezüglich einer Dynamik, die sich wiederholen kann. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer fragt, solange  Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann Konfliktverläufe beeinflussen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf andere wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, sich “Tugenden” und “Laster” säuberlich scheiden lassen. 

Die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, müssen gesprengt werden, wenn wir die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstehen wollen. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben die Brüchigkeit dieser Ketten längst offenbart. Alle Strategien, die an diesen Ketten hängen, können die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht abwenden. “Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, das auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann.

Der Perspektivwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ von Modellvorstellungen von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Davon handelt dieses Buch. Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es das unvollkommenste Buch aller Zeiten, weil es ganz darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

In Kürze folgt die überarbeitete Fassung von Kapitel 1. Der 2006 im Salier Verlag Leipzig veröffentlichten Originaltext ist im Handel, beim Verlag oder direkt beim Autor zu bestellen. Große Teile sind bei der google Buchsuche verfügbar.

Geld integriert, Geld spaltet

Integration ist ein Dauerthema deutscher Medien. Da Baden-Baden etwas Besonderes ist – ein Fokus deutscher Bindungen an die Welt gewissermaßen -, da hier schon seit dem 19. Jahrhundert die Mächtigen promenieren, bekommt Integration hier auch eine besondere Bedeutung. In Baden-Baden leben außerdem die – auf die Bevölkerungszahl bezogen – meisten von staatlicher Fürsorge Abhängigen des Bundeslandes. Teil 3 der Romantrilogie „Wolkenzüge“, einer deutschen Familiengeschichte zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert dokumentiert, wie sich die Nation vernünftigerweise auflöst, da sich niemand „abschaffen“ will.

Candides Kosequenz

Wichtig? Nur der eigene Garten!


Gustav ist zurückgekehrt ins gesegnete Baden-Baden, einen der schönsten Orte der Welt, wo sich Geldwäsche wirklich lohnt. Die Stadt ist dankbar, wenn zerfallende Gründerzeit- und Jugendstilvillen von reichen Russen, Arabern, Kapitalgesellschaften jedweder Herkunft gekauft und saniert werden. Deutsche Privatvermögen gesunden bei solchen Verkäufen, in deren Folge Mauern und Sicherheitskameras schmiedeeiserne Einzäunungen in Toplagen ersetzen. Einzelhändler, historische Bäder, Kliniken, Arztpraxen, Autowerkstätten, selbst die Stadtverwaltung stellen russischsprachige Mitarbeiter ein, der Markt erzwingt Integration in ganz anderer als von Sozialromantikern erwünschter Richtung: die Deutschen müssen sich globalen Trends assimilieren. Nur das Fernsehen bleibt sich treu: die bügelnde deutsche Hausfrau über 60 ohne Fremdsprachenkenntnis ist Zielgruppe.
Am Augustaplatz leisten wenige Aufrechte Widerstand gegen die neoliberale Marktwirtschaft. Mit gezückter Bierflasche, solidarisch im Kreis entflammten Fluppen lassen sie die soziale Gerechtigkeit hochleben, würden niemals zu chinesischen Konditionen ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten. Gustav Horbel versteht das, er war in China.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (3)

(Fortsetzung)
(zurück zu Abschnitt 2)
Wenn wir dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen wollen, dann müssen wir vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Wir müssen aufhören, nach vermeintlichen Ursachen zu fragen. Sie sind häufig nichts als nachträglich rechtfertigende Schleier vor dem, was eigentlich das Geschehen treibt: vor den ZIELEN der Handelnden – sie wollen erkundet werden.
Wir müssen imstande sein, die Perspektive zu wechseln.
In den nächsten zehn Jahren wird sich unser Weltbild revolutionieren. Die „Kopernikanische Wende“ wird sich dagegen bescheiden ausnehmen, denn es ist vor allem das Menschenbild, das völlig neue Farben und Konturen offenbaren wird. Einen beachtlichen Beitrag dazu lieferte der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“ zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“
Das mechanische Weltbild, von dem sich die Physik seit Beginn des 20. Jahrhunderts entfernte, dem aber Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien blind vertrauen, wird abgelöst werden. Es sieht das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von durch Ursache und Wirkung verknüpften Vorgängen und den Menschen als herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Beobachtungs-instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. Dieses Weltbild entspricht sehr gut der Wechselwirkung zwischen unserer Umgebung, unseren Sinnen und unserem Gehirn. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte die Ausrottung von Krankheitserregern und „Schädlingen“ – diese Ausrottungsfeldzüge führten aber zum Heranwachsen von immer gefährlicheren Krankheitskeimen, und „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems und erschuf neue. Die Frage „WARUM“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert. Lernen wir endlich zu fragen „WOFÜR“.
(Fortsetzung: Abschnitt 4)

Vorwort zu „Der menschliche Kosmos“ (2)

(Fortsetzung)
(Zurück zu Abschnitt 1)
Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist die Frage nach einem Konfliktverhalten, das Gewalt so eng wie möglich begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Fast jeder hat schon erlebt, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebensowenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.
(Fortsetzung – Abschnitt 3)

Gratiskultur – im Ernst und zum Vergnügen

Vor einigen Wochen hatte ich zum Thema „Gratiskultur“ gepostet. Der Entschluss, mein Buch „Der menschliche Kosmos“ ausschnittweise hier im Weblog zu veröffentlichen, ist konsequent, indessen keineswegs uneigennützig, denn dabei kann ich den Text aus dem Jahr 2006 abschnittsweise überarbeiten; dafür hat sich seither angesichts globaler Entwicklungen reichlich Stoff angesammelt. Wer mag, kann mit dem Originaltext vergleichen.

Titel zu "Der menschliche Kosmos"

Gefühle - Konflikte - Strategien

VORWORT

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch. Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will. Das gilt für die Gattung in einer immer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Gefährdungen durch natürliche Katastrophen wird es zwar immer geben – Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, gar kosmische Bedrohungen durch Einschläge von Asteroiden oder durch Strahlung werden sich nie gänzlich beherrschen lassen -, aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht die Bedrohung durch menschliches Handeln das eigentliche Problem ist.
Können wir immer bedrohlichere Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen – Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien – oder was sonst für Konfliktkonstellationen sich ergeben – anders als durch Gewalt lösen? Neben den klassischen Szenarien der Kriege und Terrorattacken rückt immer mehr das Szenarium struktureller Gewalt in den Brennpunkt: Es gibt Organisationen, die rücksichtslos gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen das Gemeinwesens und gegen die Natur ihre Interessen durchsetzen. Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen solche Organisationen in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.
Der Vorgang ist – an den religiösen oder anderen ideologischen Verklärungen von Gewalt seit je erkennbar – nicht neu. Aber angesichts globaler Auswirkungen, wie sie sowohl mit Kriegen seit dem 20. Jahrhundert als auch mit dem katastrophalen technischen GAU von Atomkraftwerken und Pharmaunfällen einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen so unbeherrschbar sind wie Naturereignisse.
Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen, der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur ?
Ist Gewalt in Konflikten unvermeidlich?
Zweierlei zumindest ist sicher:
Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.
Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
(Fortsetzung – Abschnitt 2)

Dank an Hilde Buchwald

Beim Unterricht mit Schauspielstudenten

Hilde Buchwald an der Berliner Schauspielschule


Wenn ich demnächst für SWR 2 „Leben“ ein Feature zum Thema „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ produziere, dann verdanke ich einiges Hintergrundwissen, vor allem aber eigene Körpererfahrung meiner Bewegungslehrerin am Regieinstitut in den Jahren 1975 bis 1978. Hildegard Buchwald-Wegeleben erweckte in uns Studenten Körpergefühl und Körperbewusstsein. Dass unsere Erinnerung – vor allem die an soziale Interaktion – tief verwurzelt ist und sich durch die Arbeit des Schauspiels auf eindrucksvolle Weise eine eigene Welt auf der Bühne und im Film erschafft, habe ich erst viel später verstanden. Heute führt diese Erkenntnis zu völlig neuen Möglichkeiten in der Psychotherapie.
An solchen Entwicklungen sind immer viele Menschen beteiligt, wenige prägen sich so nachdrücklich ein wie Hilde. Am Ende des Jahres 2010, da mit „Babels Berg“ auch Gustav Horbels Weg zum Theater veröffentlicht ist, sage ich Hilde noch einmal von Herzen Dankeschön.

Ermutigung mit Zeitzünder

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber wenn nach vier Jahren ein Buch so gelobt wird, wie „Der menschliche Kosmos“ jetzt vom wirklich sachkundigen Andreas Zeuch auf „psychophysik.com“, dann ist es ein deutliches Zeichen für die Frische der Texte und ein Grund zur Freude:
„Wer sich von – wie es auf dem Buchrücken selbst lautet – „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.“

Herbstnah

Blick über Blumen in den Wald

Abschiedsblüte

Der Wald beginnt nach Sterbenszeit zu duften
Die Blüten nicken Abschied vom Balkon
Im Fernsehn hören wir von großen Schuften
Den kleinen Gangstern geben wir Pardon.

Wir selbst begehen ja nur kleine Morde
Wir spucken ab und zu in ein Gesicht
Wir fühlen uns bestätigt von der Horde
Alleingelassen fühlen wir uns nicht.

Alleingelassen sind wir ganz alleine
Wie nachts ein Kind, des Mutter ging davon
Und nahm die Hand von ihm, die warme, feine
Und sichere Hand und den vertrauten Ton.

Wie welke Blätter sinken unsere Herzen.
Wir fliehn in Lärm und Licht und Witz und Braus.
In kalte Fesseln legt der Herbst das Haus
Und unsere Blicke flackern mit den Kerzen.
Wir sind in Not. Die Fenster werden trübe.
Der Arzt sagt: das sind depressive Schübe.