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Liebeserklärung für eine Musikerin

Aus einem Konzert der polnischen
Akademia Filmu i Telewizji

Wie gerne schrieb ich alle meine Träume
Und Wünsche in ein einziges Gedicht
Für Dich. Doch könnte ich es, fändest Du es nicht.
Zu eng, zu fern sind unserer beider Räume.

Was Liebe werden will, muss sich entgrenzen
Muss Universum sein, und sich verlieren
und aneinander klammernd seine Schwere spüren
Kernkraft und dunkle Energie und alle Divergenzen.

Dafür lässt uns Geschäftigkeit nicht einen Takt
Nanosekunden scharf gestellter Uhren
Wir rechnen Liebesaugenblicke aus wie Huren
Glück wird in Freizeitfolie eingepackt.

Doch spielst du – fremde Liebste – Sinfonien
Im Kreis beglückter, hingegebener Meister
Schau ich in Dein Gesicht, entfliehen
Die hässlichen, vom Alltagszwang beherrschten Geister.
Hör ich Dir zu, ist es wie mit Dir tanzen
Mein Leben wird erwünscht, erträumt zum Ganzen.

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Survival of the Fittest – oder mehr?

Das Foto dieser Möchsgrasmücke stammt aus der Wikipedia:

taken by Jakub Stančo, Original uploader was Poutnik2 at cs.wikipedia – Originally from cs.wikipedia; description page is/was here., CC BY-SA 3.0.

Wir haben hier alle Jahre wieder so einen Sänger vorm Balkon – er lässt sich nicht gern fotografieren. Er hascht nicht nach Applaus, nur nach der Zuneigung seiner Angebeteten – und er will mit seinem Gesang wohl auch erreichen, dass Konkurrenten gefälligst woanders ihre Gene reproduzieren. Soweit die pragmatisch-biologische Lesart. Dass er – absichtslos – das Herz einer völlig fremden Spezies zu rühren vermag, deren Musikproduktion die sämtlicher Mönchgrasmücken-Populationen um Größenordnungen übersteigt, gehört für mich zu den erbaulichen Wundern dieser Welt. Sie erstaunen mich um so mehr in Zeiten, da Gebrüll und Imponiergehabe meiner Gattung mir bisweilen die Sprache verschlagen.

Was ich von Herrn Grasmücke, Herrn Amsel, Herrn Rotschwanz und all den anderen Hähnchen im Liebesrausch lerne? Ich pfeife auf die Eisheiligen, die manch deutschem Angestellten das Pfingstfest vergällen. Wenn einem schon das Wetter die Lebensfreude verdirbt – wie will er seiner Liebsten gefallen? Und wozu braucht er eigentlich noch das Nest?

Ins Offene

IMG_20160404_165226_1Jeden Jahres Wunder geschieht wieder, und ich kann niemals genug davon haben. Wenn einer als Kind das Glück hatte, so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen, die Zauber der sich wandelnden Natur zu schauen, alle Farben, Klänge, Gerüche der Landschaften aufzunehmen und sich tief mit dem Augenblick zu verbinden, dann mag er niemals davon lassen, wird immer wieder aufs Neue vom vermeintlich Vertrauten überrascht.

Noch ein Frühlingsgedicht? Ja. Jeder Lenz ist – so oft sich aus Dreck, Wasser, Sonnenlicht Milliarden Blätter, Blüten, Myzelien bilden – ein anderer. Bilde ich mir ein, dass die Vögel schreien vor Lust und Glück? Mag sein. Ich lasse mich einfach anstecken.

Frühlingstag. Libellenflug.
Flirrend tilgt mit Blau und Grün
Laue Luft den längsten Winter
Nie sind Eis und Schnee genug
Nie muss Hoffnung sich bemühn.
Frühling findet uns als Kinder
Sonne zählt nicht ihre Tage
Gras fragt nicht wie lang es bleibt
Nicht die Blüte, was sie treibt
Nicht mein Mund, warum ich klage.
Deine Küsse werden Flüge
In die schwimmenden Pastelle.
Lachend fallen Vogelzüge
In des Jahres grüne Welle.

Das Glück des Sisyphos

Sisyphus_by_von_StuckAlbert Camus hat dazu aufgefordert, sich den Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Diese Denkfigur haben viele Philosophen und andere Nachdenkliche aufgegriffen. Vermutlich ist alles darüber gesagt, ganz sicher nicht von allen. Mich interessiert die Geschichte weniger der Interpretation wegen, sondern wegen ihrer unstreitigen Modernität. Die Nachricht vom gewaltigen Volumen der Bundesagentur für Arbeit regte wieder einmal die Frage an, ob unsere Gesellschaft wirklich zum Ziel gesetzt hat, möglichst alle – ob sie wollen oder nicht – zumindest materiell sicherzustellen. Am besten als AnGestellte. Diese Existenzform kommt dem Bild des Sisyphos nahe: Es gibt eine Arbeit, die ihrem Wesen nach fremdbestimmt ist, d.h. sie schließt genau denjenigen davon aus, über ihr Ziel – ob Produkt oder Dienstleistung – zu entscheiden, der sie tut. Ob Mann oder Frau: Nicht die Strafe der Götter zwingt sie, sondern ein Vertrag, mit dem sie sich an Ziele binden, über die das Gestell entscheidet. Das können Unternehmen sein oder Behörden, Parteien oder NGO. Egal wo: Die Arbeit muss getan werden.

Glück speist sich dabei aus zwei Quellen:

  • Der Moment, in dem der Stein hinabrollt, Sisyphos mit sich allein ist. “Freizeit” nennt das der von Staat und Gesellschaft zugleich befürsorgte und ausgebeutete Angestellte. Heutzutage ist er darin nicht mit Stein und Berg allein, er kann sich dank der Medien vergewissern, wie schlimm die Welt jenseits seines Hügels und Steins ist, sich von anderen Steinerollern begeistern lassen, deren Gesichter ihn aus Werbeclips oder Siegerehrungen aller möglichen Wettbewerbe anstrahlen. Sollte er lieber nur in die Landschaft um den Berg schauen, könnte das heikel sein. 
  • Die Arbeit des Hinaufrollens selbst. Sie mag eintönig erscheinen, aber Sisyphos macht Erfahrungen: mit dem Stein, mit dem Berg, mit sich. Er lernt die Details kennen, findet optimale Wege, wird immer stärker und geschickter – lassen wir das Altern mal außen vor. Möglicherweise fühlt er sich den Siegern der Medienwelt ebenbürtig.

Verlassen wir hier das Bild vom einsamen Mann Sisyphos (oder seiner Schwester – nennen wir sie Sisyphina). Beide schieben Tag für Tag ihren Stein. Die moderne Arbeitswelt gesellt ihnen ein Team zu. Im Sozialismus hieß das Kollektiv. Automatisch geht das Steineschieben mit sozialen Interaktionen einher: Konkurrenzen um den besten Platz am Stein, den günstigsten Weg, seine Füße zu setzen, die beste Aussicht vom Berg. Sisyphina könnte sich verlieben, allerdings nicht unbeobachtet. Sogar echte Zusammenarbeit wäre vorstellbar. Die Leute müssen sich allerdings irgendwann darüber verständigen, was am Ende des Tages wichtig ist: Der Vergleich mit anderen Steinerollern oder der gemeinsame Blick vom Berg, der Fragen aufwerfen könnte, auf die es keine Antwort gibt. An genau diesem Punkt scheiden sich Kollektive – oder Teams – von Freundschaften, Liebe und Vertrauen vom “Geschäft des Lebens”.

Auch deshalb ist der Mythos unsterblich.

Lebenszeit

2013-07-14 12.15.54

Der Sommer bleibt nicht. Sag: willst du denn bleiben?
Törichter Mensch, das Universum rechnet nicht
in deinen Zahlen: Stunde, Jahr und Tag.
Ist nicht dein Winter dir ins Fleisch geschrieben?
Ist’s nicht des Herzens allerletzter Schlag?

Du weißt es nicht. Du willst es gar nicht wissen.
Du wünschst, dass jeder Schmerz dich meiden soll.
Du träumst von Lust, von Liebe und von Küssen
Die ewig dauern, ohne Lebewohl.

Dein Herbst, mein Freund, winkt schon aus Rosenblüten
Die Wolken ziehn – vertrau dich ihnen an.
Du warst ein Kind, geliebt, du wurdest Mann
Und lerntest hassen, kämpfen, wüten
Bist bald ein Greis, schon färbt der Frost dein Haar –
Vertrau den Wolken. Was vergeht, ist wahr.

Vom Haar in der Suppe

Auster“Manche Leut’”, sagt der Schwabe, “schütteln über die Suppe so lange den Kopf, bis sie ein Haar drin finden.”  Mit diesem Buch erging es mir seltsam: Ich hätte daran wahrlich nichts auszusetzen, denn die Autorin ist eine lebenskluge und überaus belesene Frau, die als Theologin und Germanistin sowohl mit kultureller Überlieferung wie mit Sprache umgehen kann, sie äußert sich so engagiert wie verständig zu ihrem Thema Leidenschaft, erzählt eigene Geschichten einschließlich der Irrtümer und Niederlagen unverschnörkelt, flicht Gespräche über gelingende Partnerschaften anderer als Belege dafür ein, dass Erotik, Spontaneität, Intuition, Phantasie, Risikobereitschaft zum Zusammenleben geradeso beitragen wie gegenseitiger Respekt, Solidarität, Verlässlichkeit.

Ihre Literaturliste ist umfänglich; ich hatte viel Freude, Hausgeistern wie Edward Albee, Boccaccio, Brecht, Anais Nin, Philip Roth, dem Marquis des Sade, Artur Schnitzler, Mario Vargas Llosa zu begegnen; zwischen den Zeilen blinzelten die Herren Shakespeare, Tschechow, Kleist mich an, als Zeugen waren renommierte Wissenschaftler aufgeführt. Mit gefiel vor allem, dass Frau Vieregge die wunderbaren Stimulanzien der Rollenspiele gebührend preist, überzeugend die Stickluft bigotter Rituale, das Elend geschäftsmäßiger Partnerwahl, des Totquatschens und Totregulierens in den Geschlechterbeziehungen perhorresziert (schönes Wort, gell, ich hab’s von E.T.A. Hoffmann, dessen Leidenschaft Peter Härtling wunderbar verewigt hat – nächstens mehr!) – ich kam aus dem zustimmenden Nicken gar nicht mehr heraus.

Je länger ich las, desto klarer wurde mir, dass meine eigenen Bibliotheken mir all die klugen Einsichten dieses Buches längst vermittelt hatten, was seinen Wert nicht schmälert. Guten Gewissens kann ich es allen empfehlen, die sich um eine erfüllte, dauerhafte Partnerschaft bemühen. Dass die “Liebe auf den ersten Blick” oder eine ähnlich tief gehende erotische Bindung dafür den Grund legt, klingt nach Binse, ist es aber nicht, wenn man um die Komplexität des Entstehens und Vergehens tiefer erotischer Bindungen weiß. Davon handelt Weltliteratur. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich genau deshalb die Lektüre beinahe aller von Frau Vieregge angeführten Autoren – ausgenommen Sachbuchautoren und angesagte Medienphilosophen – mehr empfehle als die dieses Kompendiums.

Damit bin ich wieder bei der Suppe: nicht dass sie mir wegen der beim zustimmenden Nicken ausgefallenen Haare nicht geschmeckt hätte. Auch nicht, weil sie – um im Bild zu bleiben – so etwas wie Eintopf ist. Eintöpfe können brillant sein. Das hängt nicht ausschließlich davon ab, welche Zutaten der Koch verwendet, nicht von seiner Technik, nicht von Gewürzen. Es ist letztlich ein Geheimnis, dessen Lösung im Munde des Essers liegt. Ich fand diese Speise allzu sättigend. Ich mag aber Sachen, die Appetit auf mehr machen.

 

C. Juliane Vieregge “Die Perle in der Auster”, Pabst Science Publishers, Lengerich, Bremen, Miami, Riga, Viernheim, Wien, Zagreb, 272 Seiten, 25 €