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Liebeserklärung für eine Musikerin

Aus einem Konzert der polnischen
Akademia Filmu i Telewizji

Wie gerne schrieb ich alle meine Träume
Und Wünsche in ein einziges Gedicht
Für Dich. Doch könnte ich es, fändest Du es nicht.
Zu eng, zu fern sind unserer beider Räume.

Was Liebe werden will, muss sich entgrenzen
Muss Universum sein, und sich verlieren
und aneinander klammernd seine Schwere spüren
Kernkraft und dunkle Energie und alle Divergenzen.

Dafür lässt uns Geschäftigkeit nicht einen Takt
Nanosekunden scharf gestellter Uhren
Wir rechnen Liebesaugenblicke aus wie Huren
Glück wird in Freizeitfolie eingepackt.

Doch spielst du – fremde Liebste – Sinfonien
Im Kreis beglückter, hingegebener Meister
Schau ich in Dein Gesicht, entfliehen
Die hässlichen, vom Alltagszwang beherrschten Geister.
Hör ich Dir zu, ist es wie mit Dir tanzen
Mein Leben wird erwünscht, erträumt zum Ganzen.

Die intelligente Spinne

Spinne

Zwischen Zimmerdecke und Fenster hat eine Kreuzspinne bei uns ihr Netz gespannt. Welches Wunderwerk der Natur allein hinter ihren Fäden steckt, beschäftigt seit Jahrzehnten zahllose gut bezahlte Naturwissenschaftler und Ingenieure; die Ehrfurcht gebietet also, diese Vertreterin ihrer Gattung nicht mit dem Staubsauger zu verfolgen, sondern willkommen zu heißen.

Um an ein Bild zu gelangen, habe ich ein Stativ zwischen Couch und Stühlen ausbalanciert; ich will nicht behaupten, in den Bereich lebensgefährlicher Tierfotographie vorgestoßen zu sein, aber bei solchen häuslichen Balanceakten sterben mehr Menschen als Tierfotographen im Dschungel. Die Schönheit nahm dies offenbar als schuldigen Tribut – sie verharrte geduldig, bis ein vorzeigbares Konterfei geschossen war. Es war der Beweis ihrer Intelligenz, ihrer unbestreitbaren Fähigkeit, mit Menschen viel geschickter umzugehen als andere Spinnen. Sie hat einfach die überlegene Strategie.

Während nämlich andere Webspinnen sich tarnen und verstecken – in unserer Wohnung unter Fußleisten, hinter Schränken, Heizkörpern, Regalen – und sich damit den Attacken des am Samstag regelmäßig zur Reinigung verpflichteten Hausmanns aussetzen, appelliert diese Araneida ans Schönheitsempfinden. Sie tarnt sich nicht, versteckt sich nicht, sie zeigt sich.

Dieses kleine Wesen, inzwischen zu fotogener Größe herangewachsen, offenbart die ganze unglaubliche Weisheit der Natur: Unter den zahllosen menschlichen Behausungen, in denen Spinnen nicht geduldet würden, findet sich eine (ich bin sicher: es ist nicht die einzige!), wo Kreuzspinnen überleben. Und zwar nicht wegen “naturgegebener”, sondern wegen kultureller, also vermeintlich die Natur dominierender, menschlicher Erfindungen: Ästhetik und Artenschutz.

Wer den Versuch unternimmt, Natur und Kultur voneinander zu trennen, verkennt die unauflöslichen Verbindungen zwischen unserem Leben mit seinen Strategien und denen des Universums, zwischen Kleinstem und Größtem. Die Spinne ist ein unwiderlegbarer Bote der Hoffnung.