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Neger, Neger, Schornsteinfeger

Schwedt 1980

Zonendödel mit schwulem Einschlag verpestet die Umwelt

Neger, Bleichgesichter, Schlitzaugen: Ich kann mit der Bezeichnung 大鼻子(Großnase) leben, sogar mit Schweinefleischfresser – es entspricht den Tatsachen. Auf die Umgangsformen der meisten Zeitgenossen habe ich keinen Einfluss, mir genügt, Leuten ohne Umgangsformen aus dem Weg zu gehen. Ab „Motherfucker“ weiß ich, dass die Ansage von einem pubertierenden Brüllaffen kommt, von hoffnungslosen Fällen oder besten Freunden, die sowas mit breitem Grinsen servieren. Kommunikation ist ’ne komplexe Angelegenheit. Deppen sind damit manchmal überfordert. Kinder kann man erziehen.

Soviel zu einem Konflikt, der seit Wochen auch im Internet ausgetragen wird. Natürlich führt das Internet unweigerlich dazu, dass in demselben – wie in allen anderen Medien – alle Konflikte samt ihrer Dynamik im menschlichen Verhalten aufscheinen. Dabei fällt zweierlei auf: Es bilden sich unversöhnliche Parteien und die jeweils andere wird in nicht wenigen Stellungnahmen entweder des Rassismus oder des Dogmatismus verdächtigt: Schützengräben werden ausgehoben, die so alt wie tief sind. Das „automatische Ausblenden“ der eigentlichen Ziele des folgenden verbalen Geballers ist nichts anderes als eine der Konfliktwahrnehmung immanente Verhaltensstrategie – mit der Folge des „Tunnelblicks“. Gott sei Dank haben sich infolge einiger Weltkriege auch Kulturtechniken entwickelt, die der Ausprägung von Feindbildern und Vernichtungsplänen (mundtot machen gehört dazu) überlegen sind – zum Nutzen beider Seiten.

Es ist zu hoffen, dass der verständige Diskurs sich der Ziele von Kultur erinnert. In meinen Augen das wichtigste: Kultur schafft Vertrauen. Kinder können lesen lernen. Sie können sogar lernen, sich gegenseitig mit breitestem Grinsen Schimpfworte zu sagen, dabei einen Heidenspaß haben und die dicksten Freunde werden – unabhängig von der Hautfarbe, der Augenform oder der Religionszugehörigkeit. Auf die Umgebung kommt es an.

Habt ihr das jetzt endlich kapiert, ihr kreuzdämlichen Lappeduddel? Smiley mit geöffnetem Mund

Die Lust am Quälen und die Widerstandskraft der Banane gegen die Frage “Warum?”

Dies ist eine Leseprobe zur Neufassung von „Der menschliche Kosmos“ – Kapitel 1. Das Vorwort ist bereits online

Beginnen wir die Entdeckungsreise in Nachbars Garten an der „Köttelbecke„, also einem der offenen Abwasserkanäle des Emschersystems im Ruhrgebiet. Die kleinen Gärten hinterm Reihenhaus sind in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so typisch wie die im Sommer oft übel riechenden Betonrinnen für Abwässer quer durch die Siedlung; sie können wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen nicht unterirdisch verlegt werden. Unsere Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, sind trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie haben sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus sind. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängt, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergt etwas viel Kostbareres. Dort steht – in Reichweite, nicht etwa in der einige Gehminuten entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank ist das Bier.

Es ist für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer streiten. Sie reden ausdauernd aufeinander ein und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfeln in beleidigenden Worten. Ein solcher Zyklus der Aufregung läuft aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer von beiden mehr und schneller trinkt, aber einerlei: es käme anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, eines dann also erforderlichen Ganges in die Küche unterbrochen werden müsste. Tatsächlich ist der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Die beiden quälen einander mit Hingabe, sie genießen Bier und Beschimpfungen gleichermaßen (die Texte variieren nur wenig), sie haben an Schwung und Emotionalität nie eingebüßt. Es ist sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen. Nicht einmal Anlässe lassen sich erkennen – außer dass die Sonne scheint und Bier im Kühlschrank ist.

Wenn wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen können, währt ihre Beziehung trotz dauernder Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir beginnen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen streiten, die auszuräumen wären. Sie streiten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizen und ankeifen, geht es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern soll, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigt. Es handelt sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht ist. Und genau deshalb, wegen dieser zum Ritual gewordenen Dynamik, unterscheiden sich die Konflikte unserer Nachbarn nicht von den Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.