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Liebeserklärung für eine Musikerin

Aus einem Konzert der polnischen
Akademia Filmu i Telewizji

Wie gerne schrieb ich alle meine Träume
Und Wünsche in ein einziges Gedicht
Für Dich. Doch könnte ich es, fändest Du es nicht.
Zu eng, zu fern sind unserer beider Räume.

Was Liebe werden will, muss sich entgrenzen
Muss Universum sein, und sich verlieren
und aneinander klammernd seine Schwere spüren
Kernkraft und dunkle Energie und alle Divergenzen.

Dafür lässt uns Geschäftigkeit nicht einen Takt
Nanosekunden scharf gestellter Uhren
Wir rechnen Liebesaugenblicke aus wie Huren
Glück wird in Freizeitfolie eingepackt.

Doch spielst du – fremde Liebste – Sinfonien
Im Kreis beglückter, hingegebener Meister
Schau ich in Dein Gesicht, entfliehen
Die hässlichen, vom Alltagszwang beherrschten Geister.
Hör ich Dir zu, ist es wie mit Dir tanzen
Mein Leben wird erwünscht, erträumt zum Ganzen.

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Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit er ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat zum Roman ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint der und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

Ade effbee!

Wohnort, Heimat, ZufluchtFraglos war’s eine wichtige Erfahrung, fraglos waren unter den fb-Kontakten, etwas hochtrabend Freunde geheißen, wirklich interessante, kluge, poetische, witzige Menschen mit lesenswerten Texten und ansehnlichen Fotos, aber nach sieben Jahren (wie die Zeit vergeht!) kann ich dem „Sozialen Netzwerk“ nur noch wenig abgewinnen, es frisst andererseits unverhältnismäßig viel Zeit, betrachte ich auch nur das rasche „Drüberscrollen“ bei Banalitäten, Pöbeleien, Panikmache, -zigfach Geteiltem, Werbung, … .
Drum habe ich meinen fb-Account heute stillgelegt. Wer wirklich an meinen Gedanken, Reflexionen, Pointen, Fotos interessiert ist, findet meinen Weblog – und kann den direkten Meinungsaustausch suchen, dafür gibt’s obendrein die „Literatur“-Community bei google+, twittern werde ich auch bisweilen.

Viel besser gefällt mir der persönliche Umgang mit Freunden: Er ist unersetzlich, es kann einer gar nicht genug Zeit darauf verwenden, Freundschaften zu pflegen, die den Namen verdienen, noch dazu, da seine Lebensspanne erkennbar gegen Null geht. In diesem Sinn: Willkommen hier oder bei meinen Veranstaltungen etwa im „Atlantic Parkhotel“ in Baden-Baden. Die nächste wird am 14. Oktober sein und hat den Titel „Keine Angst vor netten Leuten“. Satirische Texte von Tucholsky bis heute stehen auf dem Programm.

Vor der Lesung

rainer_maria_rilke‪#‎Rilke‬ lesen ist…Rilke lesen. Mir fallen keine Attribute ein, weil ich dabei viel mehr erlebt habe, als die so respektvolle wie flüchtige Bekanntschaft mit Gedichten und Blicke auf Biographisches erwarten ließen. Wie dieser Eigenartige durch das Europa des Fin de Siecle zog, russische, französische, schwedische, italienische… Impressionen aufsog und verdichtete! Er hat von sich selbst behauptet, dass er kein Leser sei, es vielleicht erst werden müsse – dazu hatte er keine Zeit. Mit gerade 51 starb er, schon zu Lebzeiten berühmt, und in Furcht vor dem Ruhm:

 

Ich fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle Dinge um.

Kein Happy End für Pretty Woman

Beinahe eine Herzogin

Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative

Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein nächstes Zeitwort auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

„Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte“ ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie „Wolkenzüge“. Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils – „Raketenschirm“ – lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.

 

Unfertig bis zur Perfektion

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” (6)

(zurück zu Abschnitt 5)

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da “aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden, die nach den Zielen der “in der Vergangenheit” Handelnden, die nach ihrer auf diese Ziele gerichteten Wahrnehmung führt zu Einsichten bezüglich einer Dynamik, die sich wiederholen kann. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer fragt, solange  Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann Konfliktverläufe beeinflussen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf andere wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, sich “Tugenden” und “Laster” säuberlich scheiden lassen. 

Die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, müssen gesprengt werden, wenn wir die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstehen wollen. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben die Brüchigkeit dieser Ketten längst offenbart. Alle Strategien, die an diesen Ketten hängen, können die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht abwenden. “Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, das auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann.

Der Perspektivwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ von Modellvorstellungen von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Davon handelt dieses Buch. Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es das unvollkommenste Buch aller Zeiten, weil es ganz darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

In Kürze folgt die überarbeitete Fassung von Kapitel 1. Der 2006 im Salier Verlag Leipzig veröffentlichten Originaltext ist im Handel, beim Verlag oder direkt beim Autor zu bestellen. Große Teile sind bei der google Buchsuche verfügbar.

Geld integriert, Geld spaltet

Integration ist ein Dauerthema deutscher Medien. Da Baden-Baden etwas Besonderes ist – ein Fokus deutscher Bindungen an die Welt gewissermaßen -, da hier schon seit dem 19. Jahrhundert die Mächtigen promenieren, bekommt Integration hier auch eine besondere Bedeutung. In Baden-Baden leben außerdem die – auf die Bevölkerungszahl bezogen – meisten von staatlicher Fürsorge Abhängigen des Bundeslandes. Teil 3 der Romantrilogie „Wolkenzüge“, einer deutschen Familiengeschichte zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert dokumentiert, wie sich die Nation vernünftigerweise auflöst, da sich niemand „abschaffen“ will.

Candides Kosequenz

Wichtig? Nur der eigene Garten!


Gustav ist zurückgekehrt ins gesegnete Baden-Baden, einen der schönsten Orte der Welt, wo sich Geldwäsche wirklich lohnt. Die Stadt ist dankbar, wenn zerfallende Gründerzeit- und Jugendstilvillen von reichen Russen, Arabern, Kapitalgesellschaften jedweder Herkunft gekauft und saniert werden. Deutsche Privatvermögen gesunden bei solchen Verkäufen, in deren Folge Mauern und Sicherheitskameras schmiedeeiserne Einzäunungen in Toplagen ersetzen. Einzelhändler, historische Bäder, Kliniken, Arztpraxen, Autowerkstätten, selbst die Stadtverwaltung stellen russischsprachige Mitarbeiter ein, der Markt erzwingt Integration in ganz anderer als von Sozialromantikern erwünschter Richtung: die Deutschen müssen sich globalen Trends assimilieren. Nur das Fernsehen bleibt sich treu: die bügelnde deutsche Hausfrau über 60 ohne Fremdsprachenkenntnis ist Zielgruppe.
Am Augustaplatz leisten wenige Aufrechte Widerstand gegen die neoliberale Marktwirtschaft. Mit gezückter Bierflasche, solidarisch im Kreis entflammten Fluppen lassen sie die soziale Gerechtigkeit hochleben, würden niemals zu chinesischen Konditionen ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten. Gustav Horbel versteht das, er war in China.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (3)

(Fortsetzung)
(zurück zu Abschnitt 2)
Wenn wir dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen wollen, dann müssen wir vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Wir müssen aufhören, nach vermeintlichen Ursachen zu fragen. Sie sind häufig nichts als nachträglich rechtfertigende Schleier vor dem, was eigentlich das Geschehen treibt: vor den ZIELEN der Handelnden – sie wollen erkundet werden.
Wir müssen imstande sein, die Perspektive zu wechseln.
In den nächsten zehn Jahren wird sich unser Weltbild revolutionieren. Die „Kopernikanische Wende“ wird sich dagegen bescheiden ausnehmen, denn es ist vor allem das Menschenbild, das völlig neue Farben und Konturen offenbaren wird. Einen beachtlichen Beitrag dazu lieferte der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“ zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“
Das mechanische Weltbild, von dem sich die Physik seit Beginn des 20. Jahrhunderts entfernte, dem aber Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien blind vertrauen, wird abgelöst werden. Es sieht das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von durch Ursache und Wirkung verknüpften Vorgängen und den Menschen als herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Beobachtungs-instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. Dieses Weltbild entspricht sehr gut der Wechselwirkung zwischen unserer Umgebung, unseren Sinnen und unserem Gehirn. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte die Ausrottung von Krankheitserregern und „Schädlingen“ – diese Ausrottungsfeldzüge führten aber zum Heranwachsen von immer gefährlicheren Krankheitskeimen, und „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems und erschuf neue. Die Frage „WARUM“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert. Lernen wir endlich zu fragen „WOFÜR“.
(Fortsetzung: Abschnitt 4)