Schlagwort-Archive: immediator

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” (6)

(zurück zu Abschnitt 5)

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da “aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden, die nach den Zielen der “in der Vergangenheit” Handelnden, die nach ihrer auf diese Ziele gerichteten Wahrnehmung führt zu Einsichten bezüglich einer Dynamik, die sich wiederholen kann. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer fragt, solange  Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann Konfliktverläufe beeinflussen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf andere wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, sich “Tugenden” und “Laster” säuberlich scheiden lassen. 

Die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, müssen gesprengt werden, wenn wir die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstehen wollen. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben die Brüchigkeit dieser Ketten längst offenbart. Alle Strategien, die an diesen Ketten hängen, können die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht abwenden. “Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, das auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann.

Der Perspektivwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ von Modellvorstellungen von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Davon handelt dieses Buch. Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es das unvollkommenste Buch aller Zeiten, weil es ganz darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

In Kürze folgt die überarbeitete Fassung von Kapitel 1. Der 2006 im Salier Verlag Leipzig veröffentlichten Originaltext ist im Handel, beim Verlag oder direkt beim Autor zu bestellen. Große Teile sind bei der google Buchsuche verfügbar.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (3)

(Fortsetzung)
(zurück zu Abschnitt 2)
Wenn wir dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen wollen, dann müssen wir vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Wir müssen aufhören, nach vermeintlichen Ursachen zu fragen. Sie sind häufig nichts als nachträglich rechtfertigende Schleier vor dem, was eigentlich das Geschehen treibt: vor den ZIELEN der Handelnden – sie wollen erkundet werden.
Wir müssen imstande sein, die Perspektive zu wechseln.
In den nächsten zehn Jahren wird sich unser Weltbild revolutionieren. Die „Kopernikanische Wende“ wird sich dagegen bescheiden ausnehmen, denn es ist vor allem das Menschenbild, das völlig neue Farben und Konturen offenbaren wird. Einen beachtlichen Beitrag dazu lieferte der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“ zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“
Das mechanische Weltbild, von dem sich die Physik seit Beginn des 20. Jahrhunderts entfernte, dem aber Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien blind vertrauen, wird abgelöst werden. Es sieht das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von durch Ursache und Wirkung verknüpften Vorgängen und den Menschen als herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Beobachtungs-instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. Dieses Weltbild entspricht sehr gut der Wechselwirkung zwischen unserer Umgebung, unseren Sinnen und unserem Gehirn. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte die Ausrottung von Krankheitserregern und „Schädlingen“ – diese Ausrottungsfeldzüge führten aber zum Heranwachsen von immer gefährlicheren Krankheitskeimen, und „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems und erschuf neue. Die Frage „WARUM“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert. Lernen wir endlich zu fragen „WOFÜR“.
(Fortsetzung: Abschnitt 4)

Wohin geht's?

Das Universum der Gefühle, Konflikte, Strategien

… in die Blogosphäre und auf den Spielplatz der „Sozialen Medien“. Ziemlich verstreut finden sich dort schon einige Veröffentlichungen. Da ich mich noch nicht für den richtigen Platz entscheiden konnte, hier für’s Erste nur ein paar Hinweise: