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"Wir sind Gedächtnis" – und Konflikt

Korte_MWir_sind_Gedaechtnis_177610Wollte ich alle Informationen aufzählen, die mir bemerkenswert erschienen beim Lesen dieses Buches – womit sollte ich beginnen? Und wieviel wird meine Erinnerung bewahren können von der Fülle angebotenen Materials aus der Hirnforschung, aus der Theorie des Lernens, der Psychologie und last but not least Verbindungen zur Literatur, Kunst, Musik? Es wird jedenfalls – und der Experte Martin Korte erklärt auch, wieso – ein Bruchteil dessen sein, was ein Experte zu verdauen in der Lage wäre. Immerhin habe ich Fachleuten das Vergnügen voraus, viel mehr Neues und Unbekanntes zu erfahren, oder Bekanntes in überraschenden Zusammenhängen zu entdecken.  Mit etwas Kreativität sollte es möglich sein, vielen am Thema Interessierten die Lektüre von “Wir sind Gedächtnis” nahezubringen.

Kortes Reise durch den „Kosmos im Kopf“ beginnt beim „autobiographischen“ Gedächtnis, und wie in den folgenden Kapiteln erstaunen sogleich die Leistungen unseres Gehirns, verblüfft aber auch, wie wenig von seinen Prozessen uns bewusst wird. Stillstand kennt es nicht, darin gleicht es dem Universum und dem Mikrokosmos der Elementarteilchen. Astronomische Zahlen beschreiben die Dimensionalität der Vernetzung, der Signalwege, der chemischen und energetischen Abläufe. In Raum und Zeit konfiguriert sich das Gedächtnis fortwährend neu – der größte Teil dieses Eigenlebens bleibt uns verborgen. Immerhin hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel Neues über Strukturen und Funktionen herausgefunden. Korte erläutert das anhand zahlreicher Abbildungen, er kommt auf den Erkenntnisfortschritt seit der Antike und dem Hl. Augustinus zurück, benennt wichtige Stationen bis in die Gegenwart und Beiträge bedeutender Forscher. Seine Fähigkeit, souverän das große Forschungsfeld zu überblicken, verbindet sich mit Freude am Erzählen. Wenn er etwa über neue Erkenntnisse zur Rolle des Schlafs beim Lernen spricht, ist die Begeisterung des Lernforschers zu spüren. Zitate aus der Fachliteratur sind ebenso wie solche von Ovid über Shakespeare bis zu Nietzsche, Freud, Marcel Proust und Homer Simpson als „Gedankenflüge“ passend zum Titelbild typographisch eingebunden: So macht Lesen Spaß.

Das Kapitel über die „Auslagerung“ individuellen Wissens in die weltumspannenden digitalen Netzwerke weckte meine Aufmerksamkeit. Korte referiert das Für und Wider, die Grenzen und Defizite des „Multitaskings“, die Vorteile des „Learning bei doing“. Er stellt die Bedeutsamkeit kultureller Kontexte gegenüber schierem Vermitteln von Fakten heraus und befürchtet, dass Internetgewohnheiten das Denken selbst verändern. Dazu führt er „eine nicht zu vernachlässigende Deprivation unseres Stirnlappens“ an, „der eben vor allem damit beschäftigt ist, die Gefühle, Einstellungen und Empfindungen unserer Mitmenschen im sozialen Kontext zu erahnen…“. Leider beleuchtet er die Bedeutung der nonverbalen Signale – der Mienen, Gesten, Laute – für die Kommunikation nur allzu kurz, obwohl er ihnen 70 bis 80% des Geschehens zuordnet. Sie bilden sich schon im Mutterleib, werden zwar abhängig von der Lernumgebung nach der Geburt individualtypisch ausgeprägt, bleiben aber lebenslang tief im Unbewussten des Gedächtnisses verankert. Sie sind menschenallgemein, wenn auch kulturell überformt. Fast jeder versteht sie – unabhängig von der Sprache – richtig: Wer kein Deutsch kann, wird kaum freundlich auf ein aggressives „Du Depp!“ reagieren. Er würde sich aber kaum beleidigt fühlen, wenn ich ihm mit von Herzen kommender Bewunderung und einem Lächeln sagte: „Du bist ein Depp ohnegleichen!“.

In Grenzen sind – etwa bei Schauspielern – solche emotionalen Signale trainierbar,  sie formen gleichwohl zwar stabile, vor allem aber kaum zu beeinflussende Persönlichkeitsmuster. Und sie können enorme gruppendynamische Kraft entfalten – im Jubel der Stadien, in Rührung und Gelächter des Theaterpublikums, im Johlen des Mobs, im Kriegsgeschrei. Die vielbegackerten Echokammern und Filterblasen des World Wide Web erscheinen als Surrogat solcher Interaktionen und aller möglichen sozialen Rituale und Rollen. Aber auch in virtuellen Beziehungen zwischen Menschen steuern Emotionen und Impulse tief im Gedächtnis das Verhalten. Korte streift den Zusammenhang noch einmal im Kapitel über das Vergessen, wenn er auf „Narben der Erinnerung“ – meist in der Kindheit erlittenener Verletzungen – zu sprechen kommt, und im vorletzten Kapitel die Zerstörung des „kollektiven Gedächtnisses“ durch Kriege und totalitäre Systeme anspricht, aber er lässt Fragen nach Wut, Hass, Ekel, Aggressivität, Machtgier, Habsucht, Rachedurst… außen vor – auch die nach Liebe, Altruismus, Empathie – und beschränkt sich alles in allem auf kognitive Aspekte. Ein umfänglicher Abschnitt über die Alzheimer-Krankheit und das Schlusskapitel mit Tipps, wie einer sein Gedächtnis fit hält, ließen mich an jene konfliktscheue Wissenschaft denken, die von wohlmeinenden Medien gern „eingekauft“ und als „trinkbare Information“ (die Formulierung stammt von einem ehemaligen Fernsehdirektor) dem vermeintlich minder verständigen Publikum verabreicht wird.

Wen schließlich meint das „Wir“ im Titel? Alle Menschen? Eine wohlversorgte, aufgeschlossene Leserschaft? Letztere wünsche ich dem Buch, falls sie weitergehende Fragen stellt, ist das ganz im Sinne des sympathischen Autors und seiner Lernforschung. Die von ihm kurz angedeutete Idee, man könne Vorurteile – also womöglich Feindbilder – aus dem Gedächtnis mittels Workshops ausräumen, erscheint mir gleichwohl so lächerlich wie gespenstisch. Kürzlich schlugen – so war in Medien zu lesen und zu hören – Bonner Wissenschaftler vor, das Hormon Oxytocin gegen Fremdenfeindlichkeit zu verabreichen. Solange derart mechanistisch mit dem – auch für das Lernen – unvermeidlichen Konfliktgeschehen der realen Welt kalkuliert wird, bleibt das kollektive Gedächtnis der Menschheit – also unseres – bedroht.

Martin Korte “Wir sind Gedächtnis”, DVA Sachbuch 2017, 384 Seiten, 20 €

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Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Enthemmt–und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.