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Die Lust am Quälen und die Widerstandskraft der Banane gegen die Frage “Warum?”

Dies ist eine Leseprobe zur Neufassung von „Der menschliche Kosmos“ – Kapitel 1. Das Vorwort ist bereits online

Beginnen wir die Entdeckungsreise in Nachbars Garten an der „Köttelbecke„, also einem der offenen Abwasserkanäle des Emschersystems im Ruhrgebiet. Die kleinen Gärten hinterm Reihenhaus sind in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so typisch wie die im Sommer oft übel riechenden Betonrinnen für Abwässer quer durch die Siedlung; sie können wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen nicht unterirdisch verlegt werden. Unsere Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, sind trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie haben sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus sind. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängt, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergt etwas viel Kostbareres. Dort steht – in Reichweite, nicht etwa in der einige Gehminuten entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank ist das Bier.

Es ist für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer streiten. Sie reden ausdauernd aufeinander ein und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfeln in beleidigenden Worten. Ein solcher Zyklus der Aufregung läuft aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer von beiden mehr und schneller trinkt, aber einerlei: es käme anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, eines dann also erforderlichen Ganges in die Küche unterbrochen werden müsste. Tatsächlich ist der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Die beiden quälen einander mit Hingabe, sie genießen Bier und Beschimpfungen gleichermaßen (die Texte variieren nur wenig), sie haben an Schwung und Emotionalität nie eingebüßt. Es ist sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen. Nicht einmal Anlässe lassen sich erkennen – außer dass die Sonne scheint und Bier im Kühlschrank ist.

Wenn wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen können, währt ihre Beziehung trotz dauernder Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir beginnen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen streiten, die auszuräumen wären. Sie streiten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizen und ankeifen, geht es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern soll, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigt. Es handelt sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht ist. Und genau deshalb, wegen dieser zum Ritual gewordenen Dynamik, unterscheiden sich die Konflikte unserer Nachbarn nicht von den Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Alltag, Tod und Traum

Pest, Cholera, Angestellt
Kann einer heute noch Balladen schreiben? Schillersches Pathos hilft sicher nicht weiter, aber wo steht geschrieben, dass Balladen nicht schräg, komisch, bissig sein dürfen?
Moral ist nicht mehr unbedingt Ansichtssache angesichts kollabierender Geldmaschinen, staatlicher Hehlerei, massenhafter Fürsorge als Milliardengeschäft. Moral könnte dem Überleben dienen.

Banalama (Ostberlin 1985)

12
Frau Warum bist du nicht gestorben. Warum bist du wieder hier. Ich will leben, ich will
auch an mich denken. Ich will nicht hier herumhocken und Windeln waschen, ich
bin jung. Geh zu deinem Vater, zu deinem feinen Papa, da kannst du dich breit
machen, scheiß ihm auf seine Autopolster, aber lass mich leben.
Kind 2 Papa, Papa.
13
Frau, Fürsorgerin
Frau Ich gebe sie nicht in ein Heim.
Fürsorgerin Aber es wäre das Beste. Ihr Vater sagt, Sie kümmern sich zu wenig. Der Junge
hatte Untergewicht. Sie arbeiten auch unregelmäßig.
Frau Die Kinder sind oft krank.
Fürsorgerin Und Sie gehen nachts aus.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Nein? Die Nachbarn haben Ihren Vater holen müssen, als Ihr Sohn schwer krank
war. Lungenentzündung. Das Kind schwerkrank, und die Mutter geht nachts aus.
Frau Es kommt nicht wieder vor.
Fürsorgerin Es geht so nicht weiter. Ihr Betrieb beklagt sich. Sie fehlen zu oft.
Frau Die Arbeit strengt mich zu sehr an. Und der Haushalt.
Fürsorgerin Nicht sehr ordentlich bei Ihnen.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Sie sind doch noch jung. Warum suchen Sie sich nicht wenigstens einen Freund,
jemanden, der für Ordnung sorgt.
Frau Die Scheißkerle wollen alle nur eines. Wenn sie haben, was sie wollen, hauen sie
ab. Wer will schon eine Frau mit Kind. Mit zwei Kindern.
Fürsorgerin Wenn Sie kein geordnetes Leben führen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim
einweisen. Sie haben doch ein ordentliches Elternhaus. Warum verstehen Sie sich
nicht mit Ihren Eltern.
Frau Scheiße.
Fürsorgerin Wenn Sie nicht verstehen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim einweisen.
Frau Nicht ins Heim. Ich gebe sie nicht in ein Heim.
14
wie 1 und 2 usw. usf.
15
Richter (verliest die Urteilsbegründung für die Frau — lebenslänglich wegen Mordes am 2. Kind)
Ende

Neuer – alter Text

Im autorenweb und auf buecherbrett. org findet sich – weil’s damals nicht erscheinen durfte, aber erstaunlich aktuell ist: Banalama (Ostberlin 1985).

Banalama (Ostberlin 1985)

11
Vater der Frau, Frau, Sandra
Vater Wo warst du?
Frau Wieso? Wieso bist du hier?
Vater Ich musste den Jungen ins Krankenhaus bringen. Wo kommst du her jetzt?
Frau Wieso, was ist mit dem Jungen?
Vater Ich will wissen, wo du herkommst!
Frau Wo ist das Kind?
Kind Mama.
Frau Nicht du. Wo ist Jonas?
Vater Wenn d nicht redest, siehst du den Jungen nicht wieder. Ich sorge dafür, dass er in
ein Heim kommt. Die Fürsorge weiß schon Bescheid. Also: Wo hast du dich
herumgetrieben?
Frau Lass mich in Ruhe. Sandra, wo ist dein Brüderchen?
Vater Du elende Hu… mit Ausländern treibst du dich rum! Willst du endlich reden!
Rede, sag ich dir, los, rede! (schlägt sie)
Frau (schreit)
Kind (schreit)
Vater Das will meine Tochter sein. Abschaum. Aber dir zeigen wir es. Dich werden wir
noch erziehen. Wir sind schon mit anderen fertig geworden.
Frau Bullenschwein. Scheißstasi. Kommunistensau. Wo ist mein Kind, du Nazi.
Vater Das wird dir noch leid tun.

Banalama (Ostberlin 1985)

9
Blonde, Frau, einige Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes
Blonde Kommst du mit?
Frau Der Kleine ist krank.
Blonde Kann die Große nicht aufpassen?
Frau Sie ist zu klein. Erst drei.
Blonde Die beiden Bundis kommen heute wieder.
Frau Es geht nicht. Er hat Fieber. Vielleicht nächste Woche.
Blonde Mist. Dann muss ich allein gehen.
Frau Vielleicht kann ich nächste Woche wieder.
Blonde Der Kleine ist oft krank.
Frau Ich hätte mir von dem Schwein nicht noch ein Kind machen lassen sollen. Die
Große kann ich allein lassen.
Blonde Schließlich hast du ein Recht auf dein eigenes Leben. Also ich geh dann.
Frau Warte noch. Ich komme mit.
10
Zwei Bundis singen das Lied von Ramona Raffzahn

Banalama (Ostberlin 1985)

8
Mann, Frau, Fernsehen, zum Schluss das Kind
Mann Wo kommst du jetzt her?
Frau Wo soll ich herkommen?
Mann Weißt du, wie spät es ist?
Frau Nein.
Mann Das Kind hat die ganze Nacht geschrieen. Wo warst du?
Frau Aus.
Mann Wo mit wem? Wo warst du aus? Du bist schwanger.
Frau Ich bin müde.
Mann Ich will wissen, was los ist.
Frau Lass mich, sonst schreit das Kind wieder.
Mann Ja. Es ist dein Kind und du treibst dich rum. Schwanger. Ich will wissen, was los
ist.
Frau Nichts. Du bleibst oft genug weg.
Mann Ich habe auch kein Kind.
Frau Nein. Für die Scheiße bin ich da. Für das Kind, für den Haushalt, fürs Bett. Wenn
du keine Lust hast, haust du ab. Dir ist alles egal. Ich bin dir egal, dein Kind ist dir
egal, sogar dein eigenes. Ich will auch noch etwas von meinem Leben haben.
Mann Und wer schafft hier die Kohle ran? Du? Du kannst doch nichts. Wer bist du
schon. Rumtreiben, das kannst du. Die Beine breit machen für andere. Wer weiß,
ob das Kind von mir ist.
Frau Du Schwein.
Kind (schreit)

Banalama (Ostberlin 1985)

6
Mann, Frau, Kind
Kind (schreit)
Mann Tür zu!
7
Mann, Frau, Fernsehen, später Kind
Frau Komm.
Mann Ich bin müde. Ich habe gearbeitet. Ich bin jetzt müde.
Frau Magst du mich nicht mehr?
Mann Doch. Aber ich bin zu müde.
Frau Immer bist du müde. Du magst mich nicht mehr.
Mann Ich muss arbeiten. Für dich, für das Kind.
Frau Du magst mich nicht mehr. Du magst das Kind nicht. Du hast es nie gemocht und
jetzt magst Du mich auch nicht mehr.
Mann Unsinn.
Frau Ich bin schwanger.
Mann Was?
Frau Ich bin schwanger.
Mann Du bist verrückt. Wieso? Seit wann weißt du das? Mein Gott.
Frau Du freust dich nicht einmal.
Mann Wir sitzen immer noch in der engen Wohnung. Es ist nichts da. Nichts ist da.
Noch ein Kind.
Frau Dein Kind. Ich wollte es, weil ich dachte, dass du mich liebst.
Mann Liebe, Liebe. Man muss erstmal was sein. Ohne Geld geht nichts. Und dieses
Loch von Wohnung. Ist eins nicht genug?
Kind Mama. Mama!
Mann Sei still. Ich will nicht noch ein Kind. Ich wollte überhaupt kein Kind. Jetzt ist
eines da, gut, aber das ist genug.
Frau Wohin gehst du?
Mann Ich muss hier raus.
Kind Mama. Mama!
Frau Sei still. Du. Alles machst du kaputt, an allem bist du schuld.

Banalama (Ostberlin 1985)

5
Frau, Ehemann im Auto
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau In der Stadt sind die Knospen schon auf. Hier ist alles grau. Aber die Sonne
scheint.
Mann Wie ein Uhrwerk. Dem merkt man seine hunderttausend Kilometer gar nicht an.
Fahren will gelernt sein.
Frau In den Seen schwimmt noch Eis.
Mann Fahren will eben gelernt sein, verstehst du, dann hält auch der Motor durch.
Frau Ich freu mich so. Schade, dass Sandra nicht dabei ist.
Mann Sie ist ja gut aufgehoben.
Frau Ja.
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau Du fährst eben gut.
Mann Ich könnte stundenlang fahren. Das ist meine Welt. Nur schneller müsste der
Wagen sein. Und schnittiger, moderner.
Frau Ein Mercedes.
Mann Ein Porsche. Und dann los! Rauf auf die Autobahn, und dann können uns alle mal
und uns kann keiner.
Frau Und Sandra streckt den Leuten am Heckfenster die Zunge raus.
Mann Ja.
Frau Aber eine Ohrfeige hättest du ihr nicht geben sollen.
Mann Mir ist die Hand ausgerutscht. Was schreit sie dauernd.
Frau Sie hat schlecht geträumt.
Mann Sie ist verwöhnt, weil du immer gleich hinläufst. Lass sie allein, wenn sie schreit,
damit sie sich daran gewöhnt.
Frau Ja. Sei du nicht mehr böse.
Mann Wir können sie ja öfter zu deiner Freundin geben. Am Wochenende. Ich würde es
schon bezahlen. Sie wünscht sich doch immer ein Kind.
Frau Der Motor läuft wirklich wie ein Uhrwerk.
Mann Jetzt bockt er. Mistkarre, elende.

Banalama (Ostberlin 1985)

4
Frau, Neuer, Beamtin, Kind
Beamtin (liest mehr oder weniger monoton einen mehr oder weniger genormten
Trauungstext ab) … Und nun frage ich Sie, Thomas Bernhard, wollen sie …
Kind (schreit von einem Punkt der Rede an)
Beamtin (hebt kaum die Stimme, ignoriert das Schreien. Wenn das zweite „ja“ gesprochen
ist, verstummt das Kind). Und so erkläre ich Sie für Mann und Frau.