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Gibraltar

2013-05-01 13.16.01

In Braunschweig wohne ich gegenüber dem Studentenheim der Technischen Universität, einem Betongebirge, das hier spöttisch “Affenfelsen” genannt wird. Dort wohnen Studenten aus aller Herren – auch der übelsten Herren – Länder. Diese jungen Menschen sind unsere Zukunft – und ich hoffe, dass Ihnen Bildung – auch Literatur – hilft, einen guten Platz in der Welt zu finden, die sie gestalten werden.  Die Literatur gehört der Menschheit – wie der Blick auf den Mond den Liebenden. Deshalb habe ich mich vom Volkslied “Guter Mond, du gehst so stille” anregen lassen.

 

Kante des Affenfelsens, fremd und kalt

Des Mondes Silberlampe schärft Konturen

Und löst die Angst. Komm in mein Herz, du Licht

Du Hoffnung spendender Gefährte aller Leiden

Du ferner Freund, der alles sieht und weiß

Komm in mein Herz und hilf mir wieder wachen.

Die Nacht ist lang – und ich bin aus dem Gleis.

 

Ein Augenblick nur ist’s nach Afrika

Wo Hunger, Krieg und Mord die Kinder fressen

Wo Blut den Boden tränkt, kehrt’s Mittelalter wieder

Mit allen Gräueln glorioser Zeiten

Da Religionen sich um Herrschaft streiten

Und Menschen sich im Mob aus Hass vergessen

An jeder Gottheit, Wahrheit – ohne Halt.

Nichts, was mir nicht geschieht: Die Welt wird alt.

 

Nimm mich mit dir auf deine stillen Bahnen

Trag mich durchs Dunkel: Ich bin sehr allein.

Man sagt, du wärest leblos, ganz aus Stein.

Doch dein Gesicht kann unser Tun nicht fassen.

Gewalt Macht Lust – Du sahst die Türkenkriege

Sahst Gräben, Lager, Bunker, siehst uns hassen

Und Gräuel erschaffen, die wir selbst nicht ahnen.

 

Die Räume zwischen Meer und Himmel werden eng.

Nichts als ein dünner Film ist unter unseren Füßen.

Die Krume: nährt sie, ausgezehrt von Gier nach Geld

Noch alle Menschenkinder unserer alten Welt?

Sprich, guter Mond: Kommt jetzt die Zeit zu büßen?

Lebenszeit

2013-07-14 12.15.54

Der Sommer bleibt nicht. Sag: willst du denn bleiben?
Törichter Mensch, das Universum rechnet nicht
in deinen Zahlen: Stunde, Jahr und Tag.
Ist nicht dein Winter dir ins Fleisch geschrieben?
Ist’s nicht des Herzens allerletzter Schlag?

Du weißt es nicht. Du willst es gar nicht wissen.
Du wünschst, dass jeder Schmerz dich meiden soll.
Du träumst von Lust, von Liebe und von Küssen
Die ewig dauern, ohne Lebewohl.

Dein Herbst, mein Freund, winkt schon aus Rosenblüten
Die Wolken ziehn – vertrau dich ihnen an.
Du warst ein Kind, geliebt, du wurdest Mann
Und lerntest hassen, kämpfen, wüten
Bist bald ein Greis, schon färbt der Frost dein Haar –
Vertrau den Wolken. Was vergeht, ist wahr.