Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Enthemmt–und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.

Das Glück des Sisyphos

Sisyphus_by_von_StuckAlbert Camus hat dazu aufgefordert, sich den Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Diese Denkfigur haben viele Philosophen und andere Nachdenkliche aufgegriffen. Vermutlich ist alles darüber gesagt, ganz sicher nicht von allen. Mich interessiert die Geschichte weniger der Interpretation wegen, sondern wegen ihrer unstreitigen Modernität. Die Nachricht vom gewaltigen Volumen der Bundesagentur für Arbeit regte wieder einmal die Frage an, ob unsere Gesellschaft wirklich zum Ziel gesetzt hat, möglichst alle – ob sie wollen oder nicht – zumindest materiell sicherzustellen. Am besten als AnGestellte. Diese Existenzform kommt dem Bild des Sisyphos nahe: Es gibt eine Arbeit, die ihrem Wesen nach fremdbestimmt ist, d.h. sie schließt genau denjenigen davon aus, über ihr Ziel – ob Produkt oder Dienstleistung – zu entscheiden, der sie tut. Ob Mann oder Frau: Nicht die Strafe der Götter zwingt sie, sondern ein Vertrag, mit dem sie sich an Ziele binden, über die das Gestell entscheidet. Das können Unternehmen sein oder Behörden, Parteien oder NGO. Egal wo: Die Arbeit muss getan werden.

Glück speist sich dabei aus zwei Quellen:

  • Der Moment, in dem der Stein hinabrollt, Sisyphos mit sich allein ist. “Freizeit” nennt das der von Staat und Gesellschaft zugleich befürsorgte und ausgebeutete Angestellte. Heutzutage ist er darin nicht mit Stein und Berg allein, er kann sich dank der Medien vergewissern, wie schlimm die Welt jenseits seines Hügels und Steins ist, sich von anderen Steinerollern begeistern lassen, deren Gesichter ihn aus Werbeclips oder Siegerehrungen aller möglichen Wettbewerbe anstrahlen. Sollte er lieber nur in die Landschaft um den Berg schauen, könnte das heikel sein. 
  • Die Arbeit des Hinaufrollens selbst. Sie mag eintönig erscheinen, aber Sisyphos macht Erfahrungen: mit dem Stein, mit dem Berg, mit sich. Er lernt die Details kennen, findet optimale Wege, wird immer stärker und geschickter – lassen wir das Altern mal außen vor. Möglicherweise fühlt er sich den Siegern der Medienwelt ebenbürtig.

Verlassen wir hier das Bild vom einsamen Mann Sisyphos (oder seiner Schwester – nennen wir sie Sisyphina). Beide schieben Tag für Tag ihren Stein. Die moderne Arbeitswelt gesellt ihnen ein Team zu. Im Sozialismus hieß das Kollektiv. Automatisch geht das Steineschieben mit sozialen Interaktionen einher: Konkurrenzen um den besten Platz am Stein, den günstigsten Weg, seine Füße zu setzen, die beste Aussicht vom Berg. Sisyphina könnte sich verlieben, allerdings nicht unbeobachtet. Sogar echte Zusammenarbeit wäre vorstellbar. Die Leute müssen sich allerdings irgendwann darüber verständigen, was am Ende des Tages wichtig ist: Der Vergleich mit anderen Steinerollern oder der gemeinsame Blick vom Berg, der Fragen aufwerfen könnte, auf die es keine Antwort gibt. An genau diesem Punkt scheiden sich Kollektive – oder Teams – von Freundschaften, Liebe und Vertrauen vom “Geschäft des Lebens”.

Auch deshalb ist der Mythos unsterblich.

Gut und Böse

Gut und Böse - sauber geschieden? Gut und böse – sauber geschieden?

Was hat es eigentlich mit dem Begriff „Gutmenschen“ auf sich? Handelt es sich um eine Frage der Ehre? Wird ein Anspruch – Gutes tun zu wollen – zu einer Beleidigung?

Nachdem Paukboden und Pistolenduell als Beweise der Ehrenhaftigkeit ein wenig aus der Mode gekommen sind, scheint es doch ein starkes Bedürfnis nach Ersatz zu geben – zumindest im Verbalen. Da ist mit Worten statt Waffen ein weniger ehrenhafter Gegner zu erledigen. Der „Neoliberale“ und der „Chauvi“, der „Rassist“ und „Homophobe“ leisten in diesen Wortgefechten ebenso gute Dienste wie der „Kommunist“ oder „Gutmensch“. In Balz- und Rivalitätsritualen geübten Männern ist ein jahrhunderttausende alter Vorsprung, den Damen ein gewisser Nachholbedarf in derlei Attacken zweifellos zuzugestehen. Alles in allem bleibt es spannend – und einträglich für den Boulevard, also auch für die gebührenfinanzierten Anstalten, denn Gewalt Macht Lust – sei’s auch nur in Form verbaler Kraftmeierei – ist das Geheimnis jeglichen erfolgreichen“Storytellings“. Das gilt auch für Kraftmeierinnenei – Alice Schwarzer wird es gern bestätigen.

Das Universum bewegt sich inzwischen ungerührt weiter, die Reserven des Planeten werden für alle – unabhängig vom Geschlecht, der Religion, der Überzeugung eigener Unfehlbarkeit knapper. Vielleicht könnte man’s so formulieren: Egal an welche Götter einer glaubt: Er sollte nicht wähnen, dass deren Geduld mit der Schwachsinnigkeit seiner Gemeinde unerschöpflich ist.

Aber genau das ist der Wahn, dem gegenüber sich bislang alle Versuche verständigen Nachdenkens schlecht behaupten konnten. Okay: Die Sache bleibt spannend, je nach persönlicher Position mehr oder weniger ernst, vielleicht nicht einmal hoffnungslos. Allerdings kommen wir auf keinen Fall raus. Es wäre eine Überlegung  wert, ob man nicht vielleicht doch mehr Energie in die Suche nach gemeinsamen Zielen und Partnerschaften investieren sollte als in die nach wunderbar aufregenden Feindbildern.

Klebstoff der Dikaturen

“In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön”, hat Heiner Müller gesagt. Berge, Seen, Wälder, Flüsse: die Romantik des Naturschönen war in allen deutschen Diktaturen Fluchtpunkt der Verängstigten und amtlicher Tranquilizer zugleich. Die Landschaften sind heute anders bedroht als zu DäDäÄrr-Zeiten. Aber der alte, giftige Klebstoff der Diktaturen funktioniert immer noch: die zwei Komponenten Angst und Gewohnheit sind offenbar nur durch Katastrophen aufzulösen. Ein Gespräch zweier Frauen am Liepnitzsee, einer Idylle nahe bei Erich & Erichs Residenz Wandlitz in den 80er Jahren, offenbart die Brüchigkeit eines Lebens, das “riskantes” Vertrauen durch Kontrolle ersetzen will.

Liepnitz„Was machen wir jetzt?“ Antje und Gabi saßen am Ufer des Liepnitzsees, die Kinder ließen Steinchen springen, peitschten Brillanten in die Sonne des Altweibersommers, spürten Krebse auf, schnorchelten. „Sie sind vollkommen unbeschwert“, sagte Antje, „Karsten gehört ihnen ja auch irgendwie, nicht nur uns. Die Jungs raufen, spielen Fußball mit ihm, Carla schwärmt vom Fernsehstar – ‚der Freund von Gojko Mitic‘! Mir wär’s egal, dass du mit ihm schläfst, mir ist nur nicht so ganz egal, dass es nebenan passiert.“

„Und dass er bei der Stasi unterschrieben hat, ist dir das auch egal?“

„Dir nicht?“

Gabi schwieg. Ein Spitzel, von dem alle wussten, war auf den ersten Blick nicht viel wert für einen Geheimdienst, nicht als Informant jedenfalls. Alle würden sich in seiner Anwesenheit zurückhalten mit gefährlichen Äußerungen, ihn abschneiden von Vertraulichkeit. Sie konnten aber auch niemals Vertrauliches besprechen, gar vereinbaren: Solange er da war, war die Macht da, die Drohung. Wie konnte er selbst mit dieser Aura leben? Alles was er sprach, was er tat, stand unter Vorbehalt, jeder Raum füllte sich mit Misstrauen, sobald er ihn betrat, denn er würde nie beweisen können, dass mit seiner Enttarnung die Verbindung zur Stasi beendet war. Gabi stellte sich vor, sie selbst brächte eine Runde zum Verstummen, indem sie nur erschiene. Sie würde grinsen, Hallo sagen und „Alles okay?“, und dann redeten alle von Belanglosem. Eine Aura wie von billigem Parfüm umgäbe sie. Angenommen es gäbe einen zweiten Spitzel – wäre er dann der einzige, der ihr unverkrampft begegnete? Oder müsste er, damit seine Tarnung intakt bliebe, die Enttarnte mit besonderer Verachtung strafen? Wäre also schärfstes Misstrauen, besonderer Vorbehalt angebracht gegenüber den Vorsichtigen und Standfesten?

In diesem Augenblick begriff Gabriele Fürbringer, dass die Stasi mit ihrem Spitzelwesen jegliches Vertrauen zerstörte. Sie fragte sich, was dann übrig blieb: „Was bliebe übrig, wenn wir einfach alle eine Verpflichtungserklärung unterschrieben? Wären wir alle brav oder säßen wir alle im Knast?“

„Wir sitzen doch alle im Knast“, grinste Antje, „die Stasis womöglich noch mehr als wir. Glaubst du, dass die sich nicht gegenseitig fortwährend belauern? ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘, Lenin, schon vergessen? Da drüben bei den Dauercampern auf der Insel sind sie unter sich, wetten? Nicht zu reden vom eingezäunten Bonzenbad oder der Siedlung nebenan in Wandlitz. Vielleicht erzählen sie sich dort beim Grillen die schärfsten politischen Witze – vielleicht aber auch nicht.“

„Dann wäre Mielke der Einzige, der überhaupt noch irgendwem vertrauen könnte, weil er alles und alle kontrolliert“, meinte Gabi, „er dürfte über Witze als einziger unbeschwert lachen.“ Antje freute sich: „Wenn es so perfekt funktionierte, klar. Er wäre Gott, vorausgesetzt alle Informationen wären wahr, kämen bei ihm an und er könnte sie verwerten. Aber das Ganze ist ein undurchschaubares Gestrüpp von Lügen, Halbwahrheiten, erschlichenen oder erpressten Wahrheiten. Nicht mal Honecker kann sich sicher fühlen, er hat Ulbricht gestürzt, er traut keinem, denn er kennt die Tricks. Wenn wir alle unterschrieben, uns fortwährend gegenseitig zu denunzieren, wäre das Chaos nur ein kleines bisschen schlimmer. Vermutlich lebten wir nicht viel anders als wir ’s sowieso tun, weil der Alltag hauptsächlich aus Routinen besteht, die den Oberstasis egal sind. Mit der Liebe würde es schwierig, das kannst du in ‚1984‘ von George Orwell nachlesen. Liebe ohne Vertrauen? Beides wäre einfach totkontrolliert.“

Gabi nickte. „Du hast mir vertraut, ich hab ’s verdorben.“ Antje nahm sie in den Arm. „Nein, um Gottes willen. Nicht wegen dem Typ. Den kannst du geschenkt haben, mach mit ihm, was du willst. Du solltest ihn nur von uns – dir, mir, den Kindern, den Freunden fernhalten. Keine Ahnung wie du ’s anstellst, ich hoffe, dass der Anfall von Verliebtheit vorübergeht. Bei mir hat er nicht lange gedauert, meine Freundschaft zu dir verträgt mehr.“

„Er hat versprochen, dass er den Stasioffizier hängen lässt, ihn mit Banalitäten abspeist, niemals etwas zu unserem Nachteil ausplaudern wird.“ Gabi seufzte, schmiegte sich in Antjes Umarmung. Der See lächelte. „Na also“, hörte Gabi Antje sagen, „dann kannst du entscheiden, ob du ihm vertrauen willst. Kontrollieren kannst du ihn ja nicht.“

Neger, Neger, Schornsteinfeger

Schwedt 1980

Zonendödel mit schwulem Einschlag verpestet die Umwelt

Neger, Bleichgesichter, Schlitzaugen: Ich kann mit der Bezeichnung 大鼻子(Großnase) leben, sogar mit Schweinefleischfresser – es entspricht den Tatsachen. Auf die Umgangsformen der meisten Zeitgenossen habe ich keinen Einfluss, mir genügt, Leuten ohne Umgangsformen aus dem Weg zu gehen. Ab „Motherfucker“ weiß ich, dass die Ansage von einem pubertierenden Brüllaffen kommt, von hoffnungslosen Fällen oder besten Freunden, die sowas mit breitem Grinsen servieren. Kommunikation ist ’ne komplexe Angelegenheit. Deppen sind damit manchmal überfordert. Kinder kann man erziehen.

Soviel zu einem Konflikt, der seit Wochen auch im Internet ausgetragen wird. Natürlich führt das Internet unweigerlich dazu, dass in demselben – wie in allen anderen Medien – alle Konflikte samt ihrer Dynamik im menschlichen Verhalten aufscheinen. Dabei fällt zweierlei auf: Es bilden sich unversöhnliche Parteien und die jeweils andere wird in nicht wenigen Stellungnahmen entweder des Rassismus oder des Dogmatismus verdächtigt: Schützengräben werden ausgehoben, die so alt wie tief sind. Das „automatische Ausblenden“ der eigentlichen Ziele des folgenden verbalen Geballers ist nichts anderes als eine der Konfliktwahrnehmung immanente Verhaltensstrategie – mit der Folge des „Tunnelblicks“. Gott sei Dank haben sich infolge einiger Weltkriege auch Kulturtechniken entwickelt, die der Ausprägung von Feindbildern und Vernichtungsplänen (mundtot machen gehört dazu) überlegen sind – zum Nutzen beider Seiten.

Es ist zu hoffen, dass der verständige Diskurs sich der Ziele von Kultur erinnert. In meinen Augen das wichtigste: Kultur schafft Vertrauen. Kinder können lesen lernen. Sie können sogar lernen, sich gegenseitig mit breitestem Grinsen Schimpfworte zu sagen, dabei einen Heidenspaß haben und die dicksten Freunde werden – unabhängig von der Hautfarbe, der Augenform oder der Religionszugehörigkeit. Auf die Umgebung kommt es an.

Habt ihr das jetzt endlich kapiert, ihr kreuzdämlichen Lappeduddel? Smiley mit geöffnetem Mund

Kein Happy End für Pretty Woman

Beinahe eine Herzogin

Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative

Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein nächstes Zeitwort auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

„Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte“ ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie „Wolkenzüge“. Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils – „Raketenschirm“ – lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.

 

Wie das Theater des deutschen Untertanen überlebt

Wiese: Blüten oder nur Heu?

Wiese: Blüten oder nur Heu?

Auch heuer werden Herzen der DäDäÄrr-Nostalgiker wieder höher schlagen, wenn eine der erfolgreichsten Komödien aus der guten alten Zeit – von der DEFA in der Ägide des Stasi-IM- Generaldirektors Hans-Dieter Mäde 1977 verfilmt und mit einem Kritikerpreis belorbeert – Bühnen in Meckpomm zu Zeitmaschinen macht. “Ein irrer Duft von frischem Heu” half den Werktätigen, die Mangelwirtschaft zu ertragen, indem sie über leichtverrenkte, aber partei- oder sonst irgendwie fromme Schauspieler lachen durften. Die Gartenzwerge auf der Bühne passten den Riesenzwergen im Politbüro ins Konzept: folgenlose Massenbelustigung gegen wachsende Zweifel an der Heilsgeschichte des Sozialismus. Honecker, Mittag, Mielke & Co. waren 1977 zwar schon ökonomisch am Ende, aber dank Stasi, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen Republikflüchtlinge immer noch im Vollbesitz der Macht. Sie entschieden: die Schulden sind erdrückend, aber die Afrikaner helfen uns vielleicht heraus, wenn wir genügend Kalaschnikows und W 50-LKW gegen Kaffee, Kohle und andere Rohstoffe eintauschen, statt harte Dollars zu zahlen. Wenn die Leute Kaffee haben und den irren Duft von kabarettistischen Knallfröschen, geht das sozialistische Wachstum schon irgendwie weiter; nörgelnde Kritiker verduften früher oder später mit oder ohne devisenträchtigen Häftlingsfreikauf aus dem Stasiknast gen Westen. Eigentlich war 1977 schon alles zu verkaufen – Menschen sowieso.

Ich gönne den Untertanen von einst und Untertanen von heute das Vergnügen, über die Riesenzwerge von damals zu lachen, während sie die Verantwortung fürs politische Geschehen – die fürs ökonomische zumal –  den modernen Riesenzwergen überlassen. 1981 habe ich mich geweigert, das Erfolgsstück zu inszenieren, dem Intendanten angeboten, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich wollte Texte schreiben, die in der DäDäÄrr nie veröffentlicht worden wären. Meine Texte interessieren – anders als “Ein irrer Duft von frischem Heu” –  immer noch winzige Minoritäten. Trotzdem weigere ich mich, der Volksbelustigung um der daraus resultierenden Einnahmen willen meine Zeit zu opfern. Der Waffenhandel – der mit Kalaschnikows, der mit Minen, der mit Raketen, der mit Feindbildern – funktioniert zu gut. Weder der irre Duft von frischem Heu noch die Farbe des Geldes können mich betäuben. Manchmal, wenn ich wie in der DäDäÄrr sehr verzweifelt bin, betäube ich mich mit Alkohol. Aber das hilft nur zeitweise. Dann ist der Gestank von Macht und deutschem Untertanengeist wieder da.

Auf dem Weg ins Paradies

Confucius_Tang_Dynasty“Die Leute”, sagt der weise Da Lao Hu (大老虎), “erzählen sich seit je gern Geschichten von der besseren Welt, in der die Bösen unterworfen sind. Dass in einer Welt mit Unterworfenen kein Frieden sein kann, kommt ihnen nicht in den Sinn, schon gar nicht, wenn sie zu den erfolgreichen Unterwerfern gehören.”

Kong Fu Tse (oder auch Konfuzius, Kong Fu Zi etc. – jedenfalls 孔夫子) hat nie die Unterwerfung getadelt, sondern auf ein harmonisches Einverständnis  zwischen Herrschern und Unterworfenen bestanden. Das war ein Verhältnis, welches ihm insonderheit gegenüber den Frauen gut gefiel. Als die westlichen Mächte im 19. Jahrhundert China militärisch demütigten, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, waren die ohnedies von feudaler Unterwerfung gepeinigten Chinesen nicht mehr sicher, welche Herren die schlimmeren waren. Sowohl die Harmonie im Kaiserreich als auch die mit den fremden Teufeln (洋鬼子)befreite sie nicht von Not und Elend. Es begann ein halbes Jahrhundert blutiger Kämpfe zwischen allen möglichen Warlords und ihren Parteien, mehr als ein Jahrzehnt grausamer Invasion und Unterwerfung durch die Japaner, an dessen Ende die Kommunisten sich als Unterwerfer des Bösen präsentieren konnten, da alle anderen – vor allem die fremden Teufel – der Bosheit zweifelsfrei überführt waren.

Mao Zedong konnte sich so sicher als Überwinder alles Bösen fühlen, dass er sich sogar mit den Propheten des Heils aus Moskau überwarf. Gemeinsam blieb den Großmächtigen beider Reiche und ihren Ideologen – Bertolt Brecht hatte für sie den Begriff “TUI” erfunden, kurz und verballhornend für “Tellekt-Uell-Ins”, er meinte damit Erklär- und Rechtfertigungsnutten – die Art, wie sie den Blutzoll für ihre Menschheitsbefreiung aus der Wahrnehmung verdrängten, damit Harmonie des Schweigens über ihre Untaten herrsche. Im Rausch der Macht gab Mao etwas leichtfertig die Argumentationshilfen des Kong Fu Zi aus der Hand, ließ ihn wie alle anderen Philosophen außer dem Großen Führer Mao Zedong aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen. Das gelang nicht ganz. Aus diesem Misserfolg zumindest haben die Nachfolger gelernt: Was als Begründung eigener Gewalt ideologisch zu gebrauchen ist, verdient, wiederentdeckt zu werden. Das ist eigentlich eine simple Marktstrategie, meinetwegen auch Darwinismus krudester Form – es scheint zu funktionieren. Noch.

Dass Gewaltherrschaft ein Verfallsdatum hat – und zwar jede – wird vermutlich ebenso langsam verstanden werden wie die Tatsache, dass man niemand zu seinem Glück oder einer Harmonie in der Unterwerfung nötigen kann, ohne den Frieden dauerhaft zu verlieren.

Die Wonnen des Dazugehörens

Die Erschaffung des An-Gestell-ten” habe ich das zweite Kapitel von “Der menschliche Kosmos” überschrieben. Es löste heftige Gegenwehr aus – vor allem bei Angestellten, die sich zu Unrecht angegriffen sahen.

Das Ziel des Textes war nun keineswegs eine Attacke auf Menschen, die erfolgreich davon leben, ihr Einkommen durch ein vertragliches Arbeitsverhältnis zu sichern und so ihre Familien zu versorgen, sondern eine Attacke auf die organisierte Verantwortungslosigkeit in der Praxis solcher Verhältnisse. Ein leitender Angestellter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat das auf die Formel gebracht “Ich bin nur der Kugelschreiber des Fernsehdirektors”.

(…) Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet – als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.

Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben – nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ – sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten – oder dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgend einer der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.

Am Ende bleibt eigentlich nur eine – neue – Angst: aus dem Gestell herauszufallen. Sie ist Spielart einer Urangst. (…)

Je länger ein Mensch in einen Sozialverbund eingebettet ist, desto stärker hängt sein Selbstwertgefühl von dessen Ritualen und der Rolle ab, die er spielt. Verstößt ihn die Gemeinschaft, verliert er für lange Zeit – womöglich für immer – den Halt. Es gibt Individualisten – Selbständige – die an diesem Konflikt wachsen, manche werden zu erfolgreichen Führungspersönlichkeiten, zu Künstlern, Exoten, andere scheitern nachhaltig: als Tyrannen, Dauerpatienten in der Psychiatrie, Selbstmörder, Amokläufer.

Das lebenslange Spannungsverhältnis zwischen Individuum und sozialem Umfeld bringt aber auch den Typ des Mitläufers hervor, der offene Konflikte meidet, sich jedenfalls lieber anpasst als aneckt. Er entwickelt ein geradezu süchtiges Verhalten nach Konformität und er ist das “Futter” jeder hierarchisch aufgebauten Organisation wie ihr Fluch, denn er ist grundsätzlich illoyal. Er ist ein “Herdentier” – und das ist ein “evolutionsgeschichtlich erfolgreiches” Verhaltensmuster. Ihm haftet nur unter Menschen ein dunkler Zug an: “schwarze Schafe” müssen weggebissen werden, erbarmungslos, wenn’s das Herdenritual verlangt. Das zwanzigste Jahrhundert kennt mörderische Höhepunkte solcher Rituale. Nichts war und ist besser mit Argumenten bewaffnet, als die Rechtfertigungen der Gewalt, von Angestellten “im Namen des Volkes” oder der Partei ausgeübt.

Solche Figuren haben mich als Parteigänger der SED und Stasi-IM umwedelt, so lange sie sich Vorteile versprachen. Vergleichbare Karriereopportunisten finden sich in den Hierarchien des Westens ebenso wie in China: Sie schwingen Transparente für das Gute, gegen das Unrecht in der Welt – und sie zögern keine Sekunde, jedermann – ihre Freunde eingeschlossen – hinzuhängen, wenn ihre “Einbettung” in der Herde, im Gestell, es verlangt. Kracht es im Gebälk ihrer Korporation, schielen sie nach neuen Heerzeichen, um die sie sich sammeln können; wer dabei im Wege ist, wird weggekeult. Dabei blöken sie zum Erbarmen ihre Rechtfertigungsphrasen: Sie können nicht anders, wer quer steht, ist selbst schuld, wenn es ihn trifft.

Wer die Krisen und Konflikte der Finanz- und Staatswirtschaften daraufhin anschaut, welches Individualverhalten die zerstörerischen Kräfte treibt, wird unvermeidlich auf die organisierte Verantwortungslosigkeit treffen, die im Gestell der Geldmaschinen Rädchen und ein paar Stunden später Wutbürger in der Horde ist.