Archiv der Kategorie: Sachbuch

"Wir sind Gedächtnis" – und Konflikt

Korte_MWir_sind_Gedaechtnis_177610Wollte ich alle Informationen aufzählen, die mir bemerkenswert erschienen beim Lesen dieses Buches – womit sollte ich beginnen? Und wieviel wird meine Erinnerung bewahren können von der Fülle angebotenen Materials aus der Hirnforschung, aus der Theorie des Lernens, der Psychologie und last but not least Verbindungen zur Literatur, Kunst, Musik? Es wird jedenfalls – und der Experte Martin Korte erklärt auch, wieso – ein Bruchteil dessen sein, was ein Experte zu verdauen in der Lage wäre. Immerhin habe ich Fachleuten das Vergnügen voraus, viel mehr Neues und Unbekanntes zu erfahren, oder Bekanntes in überraschenden Zusammenhängen zu entdecken.  Mit etwas Kreativität sollte es möglich sein, vielen am Thema Interessierten die Lektüre von “Wir sind Gedächtnis” nahezubringen.

Kortes Reise durch den „Kosmos im Kopf“ beginnt beim „autobiographischen“ Gedächtnis, und wie in den folgenden Kapiteln erstaunen sogleich die Leistungen unseres Gehirns, verblüfft aber auch, wie wenig von seinen Prozessen uns bewusst wird. Stillstand kennt es nicht, darin gleicht es dem Universum und dem Mikrokosmos der Elementarteilchen. Astronomische Zahlen beschreiben die Dimensionalität der Vernetzung, der Signalwege, der chemischen und energetischen Abläufe. In Raum und Zeit konfiguriert sich das Gedächtnis fortwährend neu – der größte Teil dieses Eigenlebens bleibt uns verborgen. Immerhin hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel Neues über Strukturen und Funktionen herausgefunden. Korte erläutert das anhand zahlreicher Abbildungen, er kommt auf den Erkenntnisfortschritt seit der Antike und dem Hl. Augustinus zurück, benennt wichtige Stationen bis in die Gegenwart und Beiträge bedeutender Forscher. Seine Fähigkeit, souverän das große Forschungsfeld zu überblicken, verbindet sich mit Freude am Erzählen. Wenn er etwa über neue Erkenntnisse zur Rolle des Schlafs beim Lernen spricht, ist die Begeisterung des Lernforschers zu spüren. Zitate aus der Fachliteratur sind ebenso wie solche von Ovid über Shakespeare bis zu Nietzsche, Freud, Marcel Proust und Homer Simpson als „Gedankenflüge“ passend zum Titelbild typographisch eingebunden: So macht Lesen Spaß.

Das Kapitel über die „Auslagerung“ individuellen Wissens in die weltumspannenden digitalen Netzwerke weckte meine Aufmerksamkeit. Korte referiert das Für und Wider, die Grenzen und Defizite des „Multitaskings“, die Vorteile des „Learning bei doing“. Er stellt die Bedeutsamkeit kultureller Kontexte gegenüber schierem Vermitteln von Fakten heraus und befürchtet, dass Internetgewohnheiten das Denken selbst verändern. Dazu führt er „eine nicht zu vernachlässigende Deprivation unseres Stirnlappens“ an, „der eben vor allem damit beschäftigt ist, die Gefühle, Einstellungen und Empfindungen unserer Mitmenschen im sozialen Kontext zu erahnen…“. Leider beleuchtet er die Bedeutung der nonverbalen Signale – der Mienen, Gesten, Laute – für die Kommunikation nur allzu kurz, obwohl er ihnen 70 bis 80% des Geschehens zuordnet. Sie bilden sich schon im Mutterleib, werden zwar abhängig von der Lernumgebung nach der Geburt individualtypisch ausgeprägt, bleiben aber lebenslang tief im Unbewussten des Gedächtnisses verankert. Sie sind menschenallgemein, wenn auch kulturell überformt. Fast jeder versteht sie – unabhängig von der Sprache – richtig: Wer kein Deutsch kann, wird kaum freundlich auf ein aggressives „Du Depp!“ reagieren. Er würde sich aber kaum beleidigt fühlen, wenn ich ihm mit von Herzen kommender Bewunderung und einem Lächeln sagte: „Du bist ein Depp ohnegleichen!“.

In Grenzen sind – etwa bei Schauspielern – solche emotionalen Signale trainierbar,  sie formen gleichwohl zwar stabile, vor allem aber kaum zu beeinflussende Persönlichkeitsmuster. Und sie können enorme gruppendynamische Kraft entfalten – im Jubel der Stadien, in Rührung und Gelächter des Theaterpublikums, im Johlen des Mobs, im Kriegsgeschrei. Die vielbegackerten Echokammern und Filterblasen des World Wide Web erscheinen als Surrogat solcher Interaktionen und aller möglichen sozialen Rituale und Rollen. Aber auch in virtuellen Beziehungen zwischen Menschen steuern Emotionen und Impulse tief im Gedächtnis das Verhalten. Korte streift den Zusammenhang noch einmal im Kapitel über das Vergessen, wenn er auf „Narben der Erinnerung“ – meist in der Kindheit erlittenener Verletzungen – zu sprechen kommt, und im vorletzten Kapitel die Zerstörung des „kollektiven Gedächtnisses“ durch Kriege und totalitäre Systeme anspricht, aber er lässt Fragen nach Wut, Hass, Ekel, Aggressivität, Machtgier, Habsucht, Rachedurst… außen vor – auch die nach Liebe, Altruismus, Empathie – und beschränkt sich alles in allem auf kognitive Aspekte. Ein umfänglicher Abschnitt über die Alzheimer-Krankheit und das Schlusskapitel mit Tipps, wie einer sein Gedächtnis fit hält, ließen mich an jene konfliktscheue Wissenschaft denken, die von wohlmeinenden Medien gern „eingekauft“ und als „trinkbare Information“ (die Formulierung stammt von einem ehemaligen Fernsehdirektor) dem vermeintlich minder verständigen Publikum verabreicht wird.

Wen schließlich meint das „Wir“ im Titel? Alle Menschen? Eine wohlversorgte, aufgeschlossene Leserschaft? Letztere wünsche ich dem Buch, falls sie weitergehende Fragen stellt, ist das ganz im Sinne des sympathischen Autors und seiner Lernforschung. Die von ihm kurz angedeutete Idee, man könne Vorurteile – also womöglich Feindbilder – aus dem Gedächtnis mittels Workshops ausräumen, erscheint mir gleichwohl so lächerlich wie gespenstisch. Kürzlich schlugen – so war in Medien zu lesen und zu hören – Bonner Wissenschaftler vor, das Hormon Oxytocin gegen Fremdenfeindlichkeit zu verabreichen. Solange derart mechanistisch mit dem – auch für das Lernen – unvermeidlichen Konfliktgeschehen der realen Welt kalkuliert wird, bleibt das kollektive Gedächtnis der Menschheit – also unseres – bedroht.

Martin Korte “Wir sind Gedächtnis”, DVA Sachbuch 2017, 384 Seiten, 20 €

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Wie ein Krieg Menschen und sich selber frisst

Wilson, Der Dreißigjährige Krieg[3893]Am meisten verblüfft hat mich an diesem Buch seine Aktualität. Sie entspringt nicht einer Absicht des Autors, historisches mit gegenwärtigem Geschehen zu vergleichen, sondern seiner Fähigkeit, in der gewaltigen Menge überlieferten Materials die Handlungsmuster der Beteiligten – also der damals Mächtigen und ihrer Gefolgschaft – zu erkennen und herauszuarbeiten. Peter H. Wilson behält dabei das gesamte europäische Panorama im Blick, führt konfessionelle Konflikte mit als das, was sie sind: Nicht Ursachen, sondern ideologische Stimuli und Rechtfertigungen, wenn Herrscher oder auch nur militärische und zivile Profiteure um die Macht kämpfen – zu Lande und zur See.

Seine Sachkenntnis ist umfassend. Ökonomische, politische, militärtechnische, strategische und geografische Gegebenheiten und Verläufe stellt Wilson plastisch und mit bisweilen erstaunlichen Zahlen dar. Er illustriert mit Hilfe zeitgenössischer Malerei, Grafik und Karten; zu handelnden Personen skizziert er Biographien, sie werden in ihren familiären, konfessionellen und individuellen Koordinaten für den Leser anschaulich. Protagonisten wie Wallenstein und der Schwedenkönig Gustav Adolf sind kontrastreich gezeichnet – viele andere schildert der Autor so pointiert, dass sie als starke Figuren im Gedächtnis bleiben. Mich fesselte die Dynamik der „europäischen Tragödie“ zwischen diplomatischen Bemühungen um den Frieden und immer wieder mit wachsender Grausamkeit ausgetragenen Schlachten, bisweilen mochte ich an der „Torheit der Regierenden“ verzweifeln (wie beim Lesen des gleichnamigen Buches von Barbara Tuchman), fühlte mich an gegenwärtige Konfliktverläufe und die damit einhergehende Ohnmacht erinnert.

Insbesondere das Geschehen nach dem Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf in der Schlacht von Lützen ähnelt heutigen Leiden ganzer Völker in Afrika, im Nahen und Fernen Osten: Der Krieg ist in zahllose Parteien und Schauplätze fragmentiert, Bündnisse wechseln ständig, Flucht und Vertreibung werden alltäglich. Für eine wachsende Zahl junger Männer und für den Tross tauglicher Frauen und Kinder wird Krieg zur Lebensform, es sind genug Waffen da, immer neue Heere unterschiedlicher Größe werden – meist auf Pump – in Dienst gestellt. Sie plündern Landwirtschaft und Handwerk doppelt aus: Anführer holen sich von ihnen das Geld für den Schuldendienst, marodierende Soldaten versorgen sich auf ihren Zügen quer durchs Land. Ihrer Existenz beraubte Bauern werden zu Gesetzlosen, die ihrerseits Söldner überfallen.

Die Serien der Feldzüge und Schlachten ermüdeten mich –  es fiel bisweilen schwer, den Überblick über Personal, Herrschaftswechsel, Finanztransaktionen zu behalten, aber ich habe bei der Lektüre viel über die Verfasstheit des Deutschen Kaiserreiches und seiner Nachbarn erfahren, über dynastische Beziehungen, auch über kulturgeschichtliche Leistungen jener Zeit, etwa die von Hugo Grotius für ein späteres Völkerrecht. Waffensysteme, militärische Ordnung, juristische Reformversuche wurden mir ebenso verständlich wie die konfessionellen Friktionen innerhalb der Reihen vermeintlich unversöhnlicher Katholiken, Lutheraner und Calvinisten. Koalitionen wechselten, häufig liefen Offiziere und Söldner über, einfach um zu überleben. Die  politischen Ziele einzelner Protagonisten in Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Polen, Dänemark, Schweden wirkten auf die der Reichsfürsten, der Reichs- und Hansestädte ein. Wir sehen gekrönte Häupter, Karrieristen, ideologische Einpeitscher die Zukunft ganzer Regionen einem kurzfristigen Gewinn opfern – bisweilen nur, weil sie sich für die Kriegsführung bis zum Bankrott verschuldet haben. Die Habsburger Rudolf II., Ferdinand II. und sein Sohn Ferdinand III. trugen die Krone, lavierten indessen öfter getrieben als entschlossen zwischen dynastischen, konfessionellen und Reichsinteressen.

Wilson folgt auch den Informationskanälen jeder Zeit: den Gerüchten, Botschaften und Briefen. Falschnachricht und Greuelpropaganda sind politische Mittel. Seine kluge Dramaturgie hält  den Wechsel zwischen Detailschärfe und Gesamtschau über lange Strecken durch. Er kommentiert andere Sichtweisen aus der älteren und neueren Geschichtsschreibung – und es wird besonders interessant, wenn der Krieg am Verschleiß seiner eigenen Ressourcen dahinsiecht, wenn Gemetzel, Hunger und Seuchen die Bevölkerung dezimiert haben, die Energie der Militärs aufgebraucht ist. Selbst dann, schreibt er “richtete Krieg Chaos und Verwüstung an, aber er blieb zugleich streng kontrolliert und zielgerichtet. Militärische Operationen waren weiterhin darauf ausgerichtet, politische Ziele zu unterstützen, da die Herrscher ihre Verhandlungs-positionen zu verbessern suchten. Womöglich wurde die Wechselbeziehung zwischen Kriegführung und Diplomatie sogar enger, da offensichtlich wurde, dass niemand seine Ziele ausschließlich mit militärischen Mitteln erreichen konnte.”

Der sterbende Krieg schleppte sich halbwegs geordnet in den Westfälischen Frieden. Wie Wilson ihn im Dritten Teil des Buches analysiert, gehört zu dessen Stärken. „Die Bedeutung des Westfälischen Friedens liegt nicht in der Anzahl der Konflikte, die er zu lösen beabsichtigte, sondern in den Methoden und Idealen, die er dabei anwendete.“ schreibt er. So schuf der Vertrag von Münster und Osnabrück auch Anfangs- und Randbedingungen für die nächsten Kriege – und beeinflusste viele Friedensschlüsse kommender Jahrhunderte.

In den beiden Schlusskapiteln blickt Wilson auf die Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Demographie, Kultur während und nach dem Krieg zurück, beleuchtet zugleich bisherige Darstellungen. Sein Wissen ist enzyklopädisch, die Zahlen und Daten sind eindrucksvoll – das belegen auch die ausführlichen Anmerkungen. Mir gefiel indessen besonders, wie er mit seinen Quellen, wie er mit dem Begriff der Erfahrung umgeht. „Der Krieg als Medienereignis“ kam damals in die Welt. Der Zeitungsmarkt boomte. Heute wie damals verkaufen sich Nachrichten über Blutbäder und das Scheitern der Politiker am besten, und das heutige Publikum sieht gebannt und ohnmächtig zu, wie Menschen zu Schlächtern werden, verblendet von Feindbildern, Habgier und Herrschsucht: Gewalt – Macht – Lust.

Wilson hat das Geschehen in seiner Komplexität erfasst, in einer sachlichen, Vorurteile, vorschnelle Verallgemeinerungen und jedes Moralisieren vermeidenden Sprache. Sein historisches Panorama ist ein großes Werk. Es veranschaulicht anthropologische Konstanten: Der Mensch ist hin- und hergeworfen zwischen individueller Freiheit und Verantwortung und den Zwängen sozialer Bindung, die in der Subalternität bis zur Selbstzerstörung verstärkt werden. Ich wünschte dem Buch weiteste Verbreitung über das wissenschaftliche Interesse hinaus – vor allem unter Regierenden. Und ohne mir ein fachliches Urteil anmaßen zu wollen: Tomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt haben es vortrefflich aus dem Englischen übersetzt.

Geben wir dem Autor das letzte Wort: „Obwohl sie mittlerweile verstummt sind, sprechen die Stimmen aus dem 17. Jahrhundert immer noch zu uns aus unzähligen Texten und Bildern, die wir glücklicherweise besitzen. Sie warnen uns auch weiterhin vor der Gefahr, jenen Macht zu verleihen, die sich durch Gott zum Krieg berufen fühlen oder glauben, dass ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung die einzig gültigen sind.“

„Der Dreißigjährige Krieg – eine europäische Tragödie“ Theiss Verlag, 1160 Seiten, 49,90 €

Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Jugend ohne rote Sonne

Chinakinder_medDieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil es die besondere Lage der jungen Menschen in ihrer speziellen politischen, ethnischen, wirtschaftlichen und familiären Umgebung ausleuchtet. Der Leser erfährt so zugleich etwas über die Mannigfaltigkeit von Problemen, die etwa infolge der Ein-Kind-Politik entstanden – und China eine überalterte Bevölkerung sowie Mangel an Frauen im Heiratsalter bescherten. Zu beinahe jedem dieser zahllosen Probleme finden die Chinesen originelle Lösungen, oft als Schlupflöcher in den starren staatlichen Regelsystemen. Beispiel „Hukou“, die „Haushaltsregistrierung“: Kein Chinese darf seinen Wohnort frei wählen. Dadurch können Wanderarbeiter – es sind Hunderte Millionen – Sozialleistungen nur am ursprünglichen Wohnort beziehen, nur dort dürfen ihre Kinder zur Schule gehen.  Millionenfach müssen sich Familien trennen. Das System ist ebenso dysfunktional wie „Gaokao“, die Zugangsbestimmungen für Hochschulen. Korruption und Bürokratie sind auch infolgedessen monströs. Umso mehr verblüffen der Mut und Einfallsreichtum vieler Heranwachsender.

Egal ob Punk, an der Leistungsgrenze schuftender Wander- oder treuer Parteiarbeiter, egal ob „Tochter aus reichem Haus“ mit unternehmerischem Ehrgeiz, Feministin oder Homosexueller: Bei den meisten findet sich neben der Neugier auf die Welt und dem Wunsch, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, eine grundlegende Loyalität zum eigenen Land. Wenn der Wunsch nach Freiheit sich mit dem nach sozialer Verantwortung verbindet, hängt das gleichwohl eher mit traditionellen Verpflichtungen auf die Familie als mit politischen Motiven zusammen.

Im kommunistischen China hilft unpolitischer Pragmatismus zu überleben. Totalitäre Herrschaft unterdrückt Konflikte und erlegt Medien Zensur und Selbstzensur auf. Die Bruchlinien zeigen sich am Verhältnis zu Hongkong und Taiwan; dort treten viele junge Menschen entschieden für demokratische Entwicklung ein, den Nationalismus aus Peking lehnen sie ab. Der weltweite Austausch vor allem von Studenten arbeitet ihnen zu.

Jörg Endriss und Sonja Maaß beschreiben neben Metrolpolen auch dörfliches Leben. Sie sind weit gereist – etwa in die Provinz Yunnan im Südwesten. Die Artikel von dort zeigen den Farbenreichtum des Riesenreiches, auch ins Buch eingebundene Fotos wecken die Lust, es kennenzulernen. Anmerkungen im Glossar helfen zum Verständnis, auch das gescheite Nachwort, das wichtige wirtschaftliche, politische, kulturelle Gegebenheiten zusammenfasst. Die Autoren trafen auf neugierige, aufgeschlossene junge Menschen, die ihre Wünsche und Ziele an einem weiten Horizont suchen. Die rote Sonne Mao Zedong hat außerhalb der politischen Doktrin keinen Widerschein mehr.

Jörg Endriss, Sonja Maaß „Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt“

Conbook-Verlag, 410 Seiten, 12,95 €

Die Wonnen des Dazugehörens

Die Erschaffung des An-Gestell-ten” habe ich das zweite Kapitel von “Der menschliche Kosmos” überschrieben. Es löste heftige Gegenwehr aus – vor allem bei Angestellten, die sich zu Unrecht angegriffen sahen.

Das Ziel des Textes war nun keineswegs eine Attacke auf Menschen, die erfolgreich davon leben, ihr Einkommen durch ein vertragliches Arbeitsverhältnis zu sichern und so ihre Familien zu versorgen, sondern eine Attacke auf die organisierte Verantwortungslosigkeit in der Praxis solcher Verhältnisse. Ein leitender Angestellter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat das auf die Formel gebracht “Ich bin nur der Kugelschreiber des Fernsehdirektors”.

(…) Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet – als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.

Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben – nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ – sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten – oder dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgend einer der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.

Am Ende bleibt eigentlich nur eine – neue – Angst: aus dem Gestell herauszufallen. Sie ist Spielart einer Urangst. (…)

Je länger ein Mensch in einen Sozialverbund eingebettet ist, desto stärker hängt sein Selbstwertgefühl von dessen Ritualen und der Rolle ab, die er spielt. Verstößt ihn die Gemeinschaft, verliert er für lange Zeit – womöglich für immer – den Halt. Es gibt Individualisten – Selbständige – die an diesem Konflikt wachsen, manche werden zu erfolgreichen Führungspersönlichkeiten, zu Künstlern, Exoten, andere scheitern nachhaltig: als Tyrannen, Dauerpatienten in der Psychiatrie, Selbstmörder, Amokläufer.

Das lebenslange Spannungsverhältnis zwischen Individuum und sozialem Umfeld bringt aber auch den Typ des Mitläufers hervor, der offene Konflikte meidet, sich jedenfalls lieber anpasst als aneckt. Er entwickelt ein geradezu süchtiges Verhalten nach Konformität und er ist das “Futter” jeder hierarchisch aufgebauten Organisation wie ihr Fluch, denn er ist grundsätzlich illoyal. Er ist ein “Herdentier” – und das ist ein “evolutionsgeschichtlich erfolgreiches” Verhaltensmuster. Ihm haftet nur unter Menschen ein dunkler Zug an: “schwarze Schafe” müssen weggebissen werden, erbarmungslos, wenn’s das Herdenritual verlangt. Das zwanzigste Jahrhundert kennt mörderische Höhepunkte solcher Rituale. Nichts war und ist besser mit Argumenten bewaffnet, als die Rechtfertigungen der Gewalt, von Angestellten “im Namen des Volkes” oder der Partei ausgeübt.

Solche Figuren haben mich als Parteigänger der SED und Stasi-IM umwedelt, so lange sie sich Vorteile versprachen. Vergleichbare Karriereopportunisten finden sich in den Hierarchien des Westens ebenso wie in China: Sie schwingen Transparente für das Gute, gegen das Unrecht in der Welt – und sie zögern keine Sekunde, jedermann – ihre Freunde eingeschlossen – hinzuhängen, wenn ihre “Einbettung” in der Herde, im Gestell, es verlangt. Kracht es im Gebälk ihrer Korporation, schielen sie nach neuen Heerzeichen, um die sie sich sammeln können; wer dabei im Wege ist, wird weggekeult. Dabei blöken sie zum Erbarmen ihre Rechtfertigungsphrasen: Sie können nicht anders, wer quer steht, ist selbst schuld, wenn es ihn trifft.

Wer die Krisen und Konflikte der Finanz- und Staatswirtschaften daraufhin anschaut, welches Individualverhalten die zerstörerischen Kräfte treibt, wird unvermeidlich auf die organisierte Verantwortungslosigkeit treffen, die im Gestell der Geldmaschinen Rädchen und ein paar Stunden später Wutbürger in der Horde ist.

Unfertig bis zur Perfektion

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Probleme mit Radioaktivität? Forschen und Recyclen statt Verbuddeln!

Die Diskussion um das Thema Kernenergie ist in Deutschland nicht erst seit der “Energiewende” vergiftet. Gegner und Befürworter treffen sich höchst selten außerhalb ideologischer Schützengräben, der Öffentlichkeit bleibt weitgehend unbekannt, was jenseits “schotternder” Chaoten, der Polizeiaufmärsche bei Castor-Transporten und hysterischer Atomtod-Szenarien, also in der Welt forschender, besonnener und kritisch fragender Wissenschaftler, Ingenieure, Unternehmer verhandelt wird. Politiker ziehen hierzulande die Köpfe ein, weil sie um Wählerstimmen fürchten, wenn sie in den Verdacht geraten, der Kernkraft eine Zukunft zuzugestehen; nur wenige Journalisten beteiligen sich nicht am Wiederkäuen ritueller Pro- und Kontraphrasen.

Dirk Eidemüller ist zu danken, dass er dem Getöse der Affekte und den ideologischen Nebelmaschinen mit seinem Buch den Stecker zieht.

Er erläutert gründlich, mit großer Sachkenntnis, vielen interessanten Details den Werdegang, die Technik, den Nutzen und die Gefahren der Kernspaltung. Er beschönigt nicht und lässt nichts weg, er liest der Profitgier die Leviten, der organisierten Verantwortungslosigkeit, in deren Folge es zu Havarien, Unfällen, gar Katastrophen kommt, er macht klar und verständlich, dass die Kernspaltung einen ökonomischen, ökologischen und politischen Markstein ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit bedeutet. Wer Energie aus Atomreaktoren ablehnt, kann sich angesichts der von Eidemüller zusammengetragenen Kenntnisse bestätigt sehen – allerdings nur, wenn er entscheidende Fragen ausblendet, die nachfolgende Generationen betreffen. Der “sofortige Ausstieg” nämlich ist unter allen Lösungen des Problems “Atommüll” die am wenigsten nachhaltige. Er bedeutet, unseren Nachkommen eine “strahlende” Hypothek, Millionen Jahre lang tickende Zeitbomben in “Endlagern” zu hinterlassen, statt die Möglichkeiten besserer Entsorgung radioaktiver Isotope etwa durch Transmutation zu entwickeln.

Dirk Eidemüller bringt das auf ein paar Sätze, die allen ins Stammbuch geschrieben sein mögen, die ihren Platz im Anti-Atom-Schützengraben als Zukunftsoption für ihre Kinder betrachten: “In nichttotalitären Gesellschaften kann nicht immer ein Konsens erzielt werden; auch nicht darüber, was man unter Verantwortung gegenüber kommenden Generationen verstehen kann. Man sollte künftigen Generationen also zumindest die Möglichkeit geben, unsere Entscheidungen rückgängig zu machen.”

Es ist ein sympathischer Zug dieses Buches, dass es sich auf keine Seite schlägt, sondern das für und wider sorgsam darstellt, dass es uns die Chance einräumt, mit Erfindergeist und demokratischer Kultur die Schützengräben von heute zur historischen Erfahrung zu machen.

Dirk Eidemüller “Das nukleare Zeitalter – Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung”

S. Hirzel Verlag 2012.
ISBN 978-3-7776-2181-4

Vom Haar in der Suppe

Auster“Manche Leut’”, sagt der Schwabe, “schütteln über die Suppe so lange den Kopf, bis sie ein Haar drin finden.”  Mit diesem Buch erging es mir seltsam: Ich hätte daran wahrlich nichts auszusetzen, denn die Autorin ist eine lebenskluge und überaus belesene Frau, die als Theologin und Germanistin sowohl mit kultureller Überlieferung wie mit Sprache umgehen kann, sie äußert sich so engagiert wie verständig zu ihrem Thema Leidenschaft, erzählt eigene Geschichten einschließlich der Irrtümer und Niederlagen unverschnörkelt, flicht Gespräche über gelingende Partnerschaften anderer als Belege dafür ein, dass Erotik, Spontaneität, Intuition, Phantasie, Risikobereitschaft zum Zusammenleben geradeso beitragen wie gegenseitiger Respekt, Solidarität, Verlässlichkeit.

Ihre Literaturliste ist umfänglich; ich hatte viel Freude, Hausgeistern wie Edward Albee, Boccaccio, Brecht, Anais Nin, Philip Roth, dem Marquis des Sade, Artur Schnitzler, Mario Vargas Llosa zu begegnen; zwischen den Zeilen blinzelten die Herren Shakespeare, Tschechow, Kleist mich an, als Zeugen waren renommierte Wissenschaftler aufgeführt. Mit gefiel vor allem, dass Frau Vieregge die wunderbaren Stimulanzien der Rollenspiele gebührend preist, überzeugend die Stickluft bigotter Rituale, das Elend geschäftsmäßiger Partnerwahl, des Totquatschens und Totregulierens in den Geschlechterbeziehungen perhorresziert (schönes Wort, gell, ich hab’s von E.T.A. Hoffmann, dessen Leidenschaft Peter Härtling wunderbar verewigt hat – nächstens mehr!) – ich kam aus dem zustimmenden Nicken gar nicht mehr heraus.

Je länger ich las, desto klarer wurde mir, dass meine eigenen Bibliotheken mir all die klugen Einsichten dieses Buches längst vermittelt hatten, was seinen Wert nicht schmälert. Guten Gewissens kann ich es allen empfehlen, die sich um eine erfüllte, dauerhafte Partnerschaft bemühen. Dass die “Liebe auf den ersten Blick” oder eine ähnlich tief gehende erotische Bindung dafür den Grund legt, klingt nach Binse, ist es aber nicht, wenn man um die Komplexität des Entstehens und Vergehens tiefer erotischer Bindungen weiß. Davon handelt Weltliteratur. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich genau deshalb die Lektüre beinahe aller von Frau Vieregge angeführten Autoren – ausgenommen Sachbuchautoren und angesagte Medienphilosophen – mehr empfehle als die dieses Kompendiums.

Damit bin ich wieder bei der Suppe: nicht dass sie mir wegen der beim zustimmenden Nicken ausgefallenen Haare nicht geschmeckt hätte. Auch nicht, weil sie – um im Bild zu bleiben – so etwas wie Eintopf ist. Eintöpfe können brillant sein. Das hängt nicht ausschließlich davon ab, welche Zutaten der Koch verwendet, nicht von seiner Technik, nicht von Gewürzen. Es ist letztlich ein Geheimnis, dessen Lösung im Munde des Essers liegt. Ich fand diese Speise allzu sättigend. Ich mag aber Sachen, die Appetit auf mehr machen.

 

C. Juliane Vieregge “Die Perle in der Auster”, Pabst Science Publishers, Lengerich, Bremen, Miami, Riga, Viernheim, Wien, Zagreb, 272 Seiten, 25 €

Die Lust am Quälen und die Widerstandskraft der Banane gegen die Frage “Warum?”

Dies ist eine Leseprobe zur Neufassung von „Der menschliche Kosmos“ – Kapitel 1. Das Vorwort ist bereits online

Beginnen wir die Entdeckungsreise in Nachbars Garten an der „Köttelbecke„, also einem der offenen Abwasserkanäle des Emschersystems im Ruhrgebiet. Die kleinen Gärten hinterm Reihenhaus sind in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so typisch wie die im Sommer oft übel riechenden Betonrinnen für Abwässer quer durch die Siedlung; sie können wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen nicht unterirdisch verlegt werden. Unsere Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, sind trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie haben sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus sind. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängt, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergt etwas viel Kostbareres. Dort steht – in Reichweite, nicht etwa in der einige Gehminuten entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank ist das Bier.

Es ist für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer streiten. Sie reden ausdauernd aufeinander ein und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfeln in beleidigenden Worten. Ein solcher Zyklus der Aufregung läuft aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer von beiden mehr und schneller trinkt, aber einerlei: es käme anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, eines dann also erforderlichen Ganges in die Küche unterbrochen werden müsste. Tatsächlich ist der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Die beiden quälen einander mit Hingabe, sie genießen Bier und Beschimpfungen gleichermaßen (die Texte variieren nur wenig), sie haben an Schwung und Emotionalität nie eingebüßt. Es ist sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen. Nicht einmal Anlässe lassen sich erkennen – außer dass die Sonne scheint und Bier im Kühlschrank ist.

Wenn wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen können, währt ihre Beziehung trotz dauernder Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir beginnen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen streiten, die auszuräumen wären. Sie streiten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizen und ankeifen, geht es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern soll, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigt. Es handelt sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht ist. Und genau deshalb, wegen dieser zum Ritual gewordenen Dynamik, unterscheiden sich die Konflikte unserer Nachbarn nicht von den Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” (6)

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“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da “aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden, die nach den Zielen der “in der Vergangenheit” Handelnden, die nach ihrer auf diese Ziele gerichteten Wahrnehmung führt zu Einsichten bezüglich einer Dynamik, die sich wiederholen kann. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer fragt, solange  Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann Konfliktverläufe beeinflussen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf andere wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, sich “Tugenden” und “Laster” säuberlich scheiden lassen. 

Die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, müssen gesprengt werden, wenn wir die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstehen wollen. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben die Brüchigkeit dieser Ketten längst offenbart. Alle Strategien, die an diesen Ketten hängen, können die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht abwenden. “Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, das auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann.

Der Perspektivwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ von Modellvorstellungen von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Davon handelt dieses Buch. Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es das unvollkommenste Buch aller Zeiten, weil es ganz darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

In Kürze folgt die überarbeitete Fassung von Kapitel 1. Der 2006 im Salier Verlag Leipzig veröffentlichten Originaltext ist im Handel, beim Verlag oder direkt beim Autor zu bestellen. Große Teile sind bei der google Buchsuche verfügbar.