Archiv der Kategorie: Medien

Neger, Neger, Schornsteinfeger

Schwedt 1980

Zonendödel mit schwulem Einschlag verpestet die Umwelt

Neger, Bleichgesichter, Schlitzaugen: Ich kann mit der Bezeichnung 大鼻子(Großnase) leben, sogar mit Schweinefleischfresser – es entspricht den Tatsachen. Auf die Umgangsformen der meisten Zeitgenossen habe ich keinen Einfluss, mir genügt, Leuten ohne Umgangsformen aus dem Weg zu gehen. Ab „Motherfucker“ weiß ich, dass die Ansage von einem pubertierenden Brüllaffen kommt, von hoffnungslosen Fällen oder besten Freunden, die sowas mit breitem Grinsen servieren. Kommunikation ist ’ne komplexe Angelegenheit. Deppen sind damit manchmal überfordert. Kinder kann man erziehen.

Soviel zu einem Konflikt, der seit Wochen auch im Internet ausgetragen wird. Natürlich führt das Internet unweigerlich dazu, dass in demselben – wie in allen anderen Medien – alle Konflikte samt ihrer Dynamik im menschlichen Verhalten aufscheinen. Dabei fällt zweierlei auf: Es bilden sich unversöhnliche Parteien und die jeweils andere wird in nicht wenigen Stellungnahmen entweder des Rassismus oder des Dogmatismus verdächtigt: Schützengräben werden ausgehoben, die so alt wie tief sind. Das „automatische Ausblenden“ der eigentlichen Ziele des folgenden verbalen Geballers ist nichts anderes als eine der Konfliktwahrnehmung immanente Verhaltensstrategie – mit der Folge des „Tunnelblicks“. Gott sei Dank haben sich infolge einiger Weltkriege auch Kulturtechniken entwickelt, die der Ausprägung von Feindbildern und Vernichtungsplänen (mundtot machen gehört dazu) überlegen sind – zum Nutzen beider Seiten.

Es ist zu hoffen, dass der verständige Diskurs sich der Ziele von Kultur erinnert. In meinen Augen das wichtigste: Kultur schafft Vertrauen. Kinder können lesen lernen. Sie können sogar lernen, sich gegenseitig mit breitestem Grinsen Schimpfworte zu sagen, dabei einen Heidenspaß haben und die dicksten Freunde werden – unabhängig von der Hautfarbe, der Augenform oder der Religionszugehörigkeit. Auf die Umgebung kommt es an.

Habt ihr das jetzt endlich kapiert, ihr kreuzdämlichen Lappeduddel? Smiley mit geöffnetem Mund

Kein Happy End für Pretty Woman

Beinahe eine Herzogin

Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative

Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein nächstes Zeitwort auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

„Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte“ ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie „Wolkenzüge“. Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils – „Raketenschirm“ – lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.

 

Wie das Theater des deutschen Untertanen überlebt

Wiese: Blüten oder nur Heu?

Wiese: Blüten oder nur Heu?

Auch heuer werden Herzen der DäDäÄrr-Nostalgiker wieder höher schlagen, wenn eine der erfolgreichsten Komödien aus der guten alten Zeit – von der DEFA in der Ägide des Stasi-IM- Generaldirektors Hans-Dieter Mäde 1977 verfilmt und mit einem Kritikerpreis belorbeert – Bühnen in Meckpomm zu Zeitmaschinen macht. “Ein irrer Duft von frischem Heu” half den Werktätigen, die Mangelwirtschaft zu ertragen, indem sie über leichtverrenkte, aber partei- oder sonst irgendwie fromme Schauspieler lachen durften. Die Gartenzwerge auf der Bühne passten den Riesenzwergen im Politbüro ins Konzept: folgenlose Massenbelustigung gegen wachsende Zweifel an der Heilsgeschichte des Sozialismus. Honecker, Mittag, Mielke & Co. waren 1977 zwar schon ökonomisch am Ende, aber dank Stasi, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen Republikflüchtlinge immer noch im Vollbesitz der Macht. Sie entschieden: die Schulden sind erdrückend, aber die Afrikaner helfen uns vielleicht heraus, wenn wir genügend Kalaschnikows und W 50-LKW gegen Kaffee, Kohle und andere Rohstoffe eintauschen, statt harte Dollars zu zahlen. Wenn die Leute Kaffee haben und den irren Duft von kabarettistischen Knallfröschen, geht das sozialistische Wachstum schon irgendwie weiter; nörgelnde Kritiker verduften früher oder später mit oder ohne devisenträchtigen Häftlingsfreikauf aus dem Stasiknast gen Westen. Eigentlich war 1977 schon alles zu verkaufen – Menschen sowieso.

Ich gönne den Untertanen von einst und Untertanen von heute das Vergnügen, über die Riesenzwerge von damals zu lachen, während sie die Verantwortung fürs politische Geschehen – die fürs ökonomische zumal –  den modernen Riesenzwergen überlassen. 1981 habe ich mich geweigert, das Erfolgsstück zu inszenieren, dem Intendanten angeboten, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich wollte Texte schreiben, die in der DäDäÄrr nie veröffentlicht worden wären. Meine Texte interessieren – anders als “Ein irrer Duft von frischem Heu” –  immer noch winzige Minoritäten. Trotzdem weigere ich mich, der Volksbelustigung um der daraus resultierenden Einnahmen willen meine Zeit zu opfern. Der Waffenhandel – der mit Kalaschnikows, der mit Minen, der mit Raketen, der mit Feindbildern – funktioniert zu gut. Weder der irre Duft von frischem Heu noch die Farbe des Geldes können mich betäuben. Manchmal, wenn ich wie in der DäDäÄrr sehr verzweifelt bin, betäube ich mich mit Alkohol. Aber das hilft nur zeitweise. Dann ist der Gestank von Macht und deutschem Untertanengeist wieder da.

Auf dem Weg ins Paradies

Confucius_Tang_Dynasty“Die Leute”, sagt der weise Da Lao Hu (大老虎), “erzählen sich seit je gern Geschichten von der besseren Welt, in der die Bösen unterworfen sind. Dass in einer Welt mit Unterworfenen kein Frieden sein kann, kommt ihnen nicht in den Sinn, schon gar nicht, wenn sie zu den erfolgreichen Unterwerfern gehören.”

Kong Fu Tse (oder auch Konfuzius, Kong Fu Zi etc. – jedenfalls 孔夫子) hat nie die Unterwerfung getadelt, sondern auf ein harmonisches Einverständnis  zwischen Herrschern und Unterworfenen bestanden. Das war ein Verhältnis, welches ihm insonderheit gegenüber den Frauen gut gefiel. Als die westlichen Mächte im 19. Jahrhundert China militärisch demütigten, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, waren die ohnedies von feudaler Unterwerfung gepeinigten Chinesen nicht mehr sicher, welche Herren die schlimmeren waren. Sowohl die Harmonie im Kaiserreich als auch die mit den fremden Teufeln (洋鬼子)befreite sie nicht von Not und Elend. Es begann ein halbes Jahrhundert blutiger Kämpfe zwischen allen möglichen Warlords und ihren Parteien, mehr als ein Jahrzehnt grausamer Invasion und Unterwerfung durch die Japaner, an dessen Ende die Kommunisten sich als Unterwerfer des Bösen präsentieren konnten, da alle anderen – vor allem die fremden Teufel – der Bosheit zweifelsfrei überführt waren.

Mao Zedong konnte sich so sicher als Überwinder alles Bösen fühlen, dass er sich sogar mit den Propheten des Heils aus Moskau überwarf. Gemeinsam blieb den Großmächtigen beider Reiche und ihren Ideologen – Bertolt Brecht hatte für sie den Begriff “TUI” erfunden, kurz und verballhornend für “Tellekt-Uell-Ins”, er meinte damit Erklär- und Rechtfertigungsnutten – die Art, wie sie den Blutzoll für ihre Menschheitsbefreiung aus der Wahrnehmung verdrängten, damit Harmonie des Schweigens über ihre Untaten herrsche. Im Rausch der Macht gab Mao etwas leichtfertig die Argumentationshilfen des Kong Fu Zi aus der Hand, ließ ihn wie alle anderen Philosophen außer dem Großen Führer Mao Zedong aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen. Das gelang nicht ganz. Aus diesem Misserfolg zumindest haben die Nachfolger gelernt: Was als Begründung eigener Gewalt ideologisch zu gebrauchen ist, verdient, wiederentdeckt zu werden. Das ist eigentlich eine simple Marktstrategie, meinetwegen auch Darwinismus krudester Form – es scheint zu funktionieren. Noch.

Dass Gewaltherrschaft ein Verfallsdatum hat – und zwar jede – wird vermutlich ebenso langsam verstanden werden wie die Tatsache, dass man niemand zu seinem Glück oder einer Harmonie in der Unterwerfung nötigen kann, ohne den Frieden dauerhaft zu verlieren.

Die Wonnen des Dazugehörens

Die Erschaffung des An-Gestell-ten” habe ich das zweite Kapitel von “Der menschliche Kosmos” überschrieben. Es löste heftige Gegenwehr aus – vor allem bei Angestellten, die sich zu Unrecht angegriffen sahen.

Das Ziel des Textes war nun keineswegs eine Attacke auf Menschen, die erfolgreich davon leben, ihr Einkommen durch ein vertragliches Arbeitsverhältnis zu sichern und so ihre Familien zu versorgen, sondern eine Attacke auf die organisierte Verantwortungslosigkeit in der Praxis solcher Verhältnisse. Ein leitender Angestellter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat das auf die Formel gebracht “Ich bin nur der Kugelschreiber des Fernsehdirektors”.

(…) Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet – als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.

Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben – nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ – sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten – oder dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgend einer der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.

Am Ende bleibt eigentlich nur eine – neue – Angst: aus dem Gestell herauszufallen. Sie ist Spielart einer Urangst. (…)

Je länger ein Mensch in einen Sozialverbund eingebettet ist, desto stärker hängt sein Selbstwertgefühl von dessen Ritualen und der Rolle ab, die er spielt. Verstößt ihn die Gemeinschaft, verliert er für lange Zeit – womöglich für immer – den Halt. Es gibt Individualisten – Selbständige – die an diesem Konflikt wachsen, manche werden zu erfolgreichen Führungspersönlichkeiten, zu Künstlern, Exoten, andere scheitern nachhaltig: als Tyrannen, Dauerpatienten in der Psychiatrie, Selbstmörder, Amokläufer.

Das lebenslange Spannungsverhältnis zwischen Individuum und sozialem Umfeld bringt aber auch den Typ des Mitläufers hervor, der offene Konflikte meidet, sich jedenfalls lieber anpasst als aneckt. Er entwickelt ein geradezu süchtiges Verhalten nach Konformität und er ist das “Futter” jeder hierarchisch aufgebauten Organisation wie ihr Fluch, denn er ist grundsätzlich illoyal. Er ist ein “Herdentier” – und das ist ein “evolutionsgeschichtlich erfolgreiches” Verhaltensmuster. Ihm haftet nur unter Menschen ein dunkler Zug an: “schwarze Schafe” müssen weggebissen werden, erbarmungslos, wenn’s das Herdenritual verlangt. Das zwanzigste Jahrhundert kennt mörderische Höhepunkte solcher Rituale. Nichts war und ist besser mit Argumenten bewaffnet, als die Rechtfertigungen der Gewalt, von Angestellten “im Namen des Volkes” oder der Partei ausgeübt.

Solche Figuren haben mich als Parteigänger der SED und Stasi-IM umwedelt, so lange sie sich Vorteile versprachen. Vergleichbare Karriereopportunisten finden sich in den Hierarchien des Westens ebenso wie in China: Sie schwingen Transparente für das Gute, gegen das Unrecht in der Welt – und sie zögern keine Sekunde, jedermann – ihre Freunde eingeschlossen – hinzuhängen, wenn ihre “Einbettung” in der Herde, im Gestell, es verlangt. Kracht es im Gebälk ihrer Korporation, schielen sie nach neuen Heerzeichen, um die sie sich sammeln können; wer dabei im Wege ist, wird weggekeult. Dabei blöken sie zum Erbarmen ihre Rechtfertigungsphrasen: Sie können nicht anders, wer quer steht, ist selbst schuld, wenn es ihn trifft.

Wer die Krisen und Konflikte der Finanz- und Staatswirtschaften daraufhin anschaut, welches Individualverhalten die zerstörerischen Kräfte treibt, wird unvermeidlich auf die organisierte Verantwortungslosigkeit treffen, die im Gestell der Geldmaschinen Rädchen und ein paar Stunden später Wutbürger in der Horde ist.

Unfertig bis zur Perfektion

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Probleme mit Radioaktivität? Forschen und Recyclen statt Verbuddeln!

Die Diskussion um das Thema Kernenergie ist in Deutschland nicht erst seit der “Energiewende” vergiftet. Gegner und Befürworter treffen sich höchst selten außerhalb ideologischer Schützengräben, der Öffentlichkeit bleibt weitgehend unbekannt, was jenseits “schotternder” Chaoten, der Polizeiaufmärsche bei Castor-Transporten und hysterischer Atomtod-Szenarien, also in der Welt forschender, besonnener und kritisch fragender Wissenschaftler, Ingenieure, Unternehmer verhandelt wird. Politiker ziehen hierzulande die Köpfe ein, weil sie um Wählerstimmen fürchten, wenn sie in den Verdacht geraten, der Kernkraft eine Zukunft zuzugestehen; nur wenige Journalisten beteiligen sich nicht am Wiederkäuen ritueller Pro- und Kontraphrasen.

Dirk Eidemüller ist zu danken, dass er dem Getöse der Affekte und den ideologischen Nebelmaschinen mit seinem Buch den Stecker zieht.

Er erläutert gründlich, mit großer Sachkenntnis, vielen interessanten Details den Werdegang, die Technik, den Nutzen und die Gefahren der Kernspaltung. Er beschönigt nicht und lässt nichts weg, er liest der Profitgier die Leviten, der organisierten Verantwortungslosigkeit, in deren Folge es zu Havarien, Unfällen, gar Katastrophen kommt, er macht klar und verständlich, dass die Kernspaltung einen ökonomischen, ökologischen und politischen Markstein ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit bedeutet. Wer Energie aus Atomreaktoren ablehnt, kann sich angesichts der von Eidemüller zusammengetragenen Kenntnisse bestätigt sehen – allerdings nur, wenn er entscheidende Fragen ausblendet, die nachfolgende Generationen betreffen. Der “sofortige Ausstieg” nämlich ist unter allen Lösungen des Problems “Atommüll” die am wenigsten nachhaltige. Er bedeutet, unseren Nachkommen eine “strahlende” Hypothek, Millionen Jahre lang tickende Zeitbomben in “Endlagern” zu hinterlassen, statt die Möglichkeiten besserer Entsorgung radioaktiver Isotope etwa durch Transmutation zu entwickeln.

Dirk Eidemüller bringt das auf ein paar Sätze, die allen ins Stammbuch geschrieben sein mögen, die ihren Platz im Anti-Atom-Schützengraben als Zukunftsoption für ihre Kinder betrachten: “In nichttotalitären Gesellschaften kann nicht immer ein Konsens erzielt werden; auch nicht darüber, was man unter Verantwortung gegenüber kommenden Generationen verstehen kann. Man sollte künftigen Generationen also zumindest die Möglichkeit geben, unsere Entscheidungen rückgängig zu machen.”

Es ist ein sympathischer Zug dieses Buches, dass es sich auf keine Seite schlägt, sondern das für und wider sorgsam darstellt, dass es uns die Chance einräumt, mit Erfindergeist und demokratischer Kultur die Schützengräben von heute zur historischen Erfahrung zu machen.

Dirk Eidemüller “Das nukleare Zeitalter – Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung”

S. Hirzel Verlag 2012.
ISBN 978-3-7776-2181-4

Vom Haar in der Suppe

Auster“Manche Leut’”, sagt der Schwabe, “schütteln über die Suppe so lange den Kopf, bis sie ein Haar drin finden.”  Mit diesem Buch erging es mir seltsam: Ich hätte daran wahrlich nichts auszusetzen, denn die Autorin ist eine lebenskluge und überaus belesene Frau, die als Theologin und Germanistin sowohl mit kultureller Überlieferung wie mit Sprache umgehen kann, sie äußert sich so engagiert wie verständig zu ihrem Thema Leidenschaft, erzählt eigene Geschichten einschließlich der Irrtümer und Niederlagen unverschnörkelt, flicht Gespräche über gelingende Partnerschaften anderer als Belege dafür ein, dass Erotik, Spontaneität, Intuition, Phantasie, Risikobereitschaft zum Zusammenleben geradeso beitragen wie gegenseitiger Respekt, Solidarität, Verlässlichkeit.

Ihre Literaturliste ist umfänglich; ich hatte viel Freude, Hausgeistern wie Edward Albee, Boccaccio, Brecht, Anais Nin, Philip Roth, dem Marquis des Sade, Artur Schnitzler, Mario Vargas Llosa zu begegnen; zwischen den Zeilen blinzelten die Herren Shakespeare, Tschechow, Kleist mich an, als Zeugen waren renommierte Wissenschaftler aufgeführt. Mit gefiel vor allem, dass Frau Vieregge die wunderbaren Stimulanzien der Rollenspiele gebührend preist, überzeugend die Stickluft bigotter Rituale, das Elend geschäftsmäßiger Partnerwahl, des Totquatschens und Totregulierens in den Geschlechterbeziehungen perhorresziert (schönes Wort, gell, ich hab’s von E.T.A. Hoffmann, dessen Leidenschaft Peter Härtling wunderbar verewigt hat – nächstens mehr!) – ich kam aus dem zustimmenden Nicken gar nicht mehr heraus.

Je länger ich las, desto klarer wurde mir, dass meine eigenen Bibliotheken mir all die klugen Einsichten dieses Buches längst vermittelt hatten, was seinen Wert nicht schmälert. Guten Gewissens kann ich es allen empfehlen, die sich um eine erfüllte, dauerhafte Partnerschaft bemühen. Dass die “Liebe auf den ersten Blick” oder eine ähnlich tief gehende erotische Bindung dafür den Grund legt, klingt nach Binse, ist es aber nicht, wenn man um die Komplexität des Entstehens und Vergehens tiefer erotischer Bindungen weiß. Davon handelt Weltliteratur. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich genau deshalb die Lektüre beinahe aller von Frau Vieregge angeführten Autoren – ausgenommen Sachbuchautoren und angesagte Medienphilosophen – mehr empfehle als die dieses Kompendiums.

Damit bin ich wieder bei der Suppe: nicht dass sie mir wegen der beim zustimmenden Nicken ausgefallenen Haare nicht geschmeckt hätte. Auch nicht, weil sie – um im Bild zu bleiben – so etwas wie Eintopf ist. Eintöpfe können brillant sein. Das hängt nicht ausschließlich davon ab, welche Zutaten der Koch verwendet, nicht von seiner Technik, nicht von Gewürzen. Es ist letztlich ein Geheimnis, dessen Lösung im Munde des Essers liegt. Ich fand diese Speise allzu sättigend. Ich mag aber Sachen, die Appetit auf mehr machen.

 

C. Juliane Vieregge “Die Perle in der Auster”, Pabst Science Publishers, Lengerich, Bremen, Miami, Riga, Viernheim, Wien, Zagreb, 272 Seiten, 25 €

Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Baumwollspinnerei hatte zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.Januar eingeladen. Mich freute besonders, dass an diesem Abend Besucher unter 30 kamen; in Baden-Württemberg waren oft die Ü 50 unter sich. Dass gerade den Jungen die Texte aus allen drei Teilen des Romanzyklus gefielen, dass Winfried Völlger mit dem Sopran-Saxophon einen Auftakt zu künftigen Veranstaltungen gab, machte den Abend perfekt.

Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:
Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so ist die Veranstaltung untertitelt. Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
“Ikarus mit Bleigürtel”erlebte – in je nach Anlass und Ort angepasster Form – 2011 in Waal in Bayern, Suhl in Thüringen und Michelbach in Baden-Württemberg erfreuliche Resonanz. Für diese wie künftige Lesungen wähle ich entsprechende Texte aus; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig. Fragen sie einfach per E-Mail an: medien[at]live.de