Archiv der Kategorie: Kommunikation

Wie ein Krieg Menschen und sich selber frisst

Wilson, Der Dreißigjährige Krieg[3893]Am meisten verblüfft hat mich an diesem Buch seine Aktualität. Sie entspringt nicht einer Absicht des Autors, historisches mit gegenwärtigem Geschehen zu vergleichen, sondern seiner Fähigkeit, in der gewaltigen Menge überlieferten Materials die Handlungsmuster der Beteiligten – also der damals Mächtigen und ihrer Gefolgschaft – zu erkennen und herauszuarbeiten. Peter H. Wilson behält dabei das gesamte europäische Panorama im Blick, führt konfessionelle Konflikte mit als das, was sie sind: Nicht Ursachen, sondern ideologische Stimuli und Rechtfertigungen, wenn Herrscher oder auch nur militärische und zivile Profiteure um die Macht kämpfen – zu Lande und zur See.

Seine Sachkenntnis ist umfassend. Ökonomische, politische, militärtechnische, strategische und geografische Gegebenheiten und Verläufe stellt Wilson plastisch und mit bisweilen erstaunlichen Zahlen dar. Er illustriert mit Hilfe zeitgenössischer Malerei, Grafik und Karten; zu handelnden Personen skizziert er Biographien, sie werden in ihren familiären, konfessionellen und individuellen Koordinaten für den Leser anschaulich. Protagonisten wie Wallenstein und der Schwedenkönig Gustav Adolf sind kontrastreich gezeichnet – viele andere schildert der Autor so pointiert, dass sie als starke Figuren im Gedächtnis bleiben. Mich fesselte die Dynamik der „europäischen Tragödie“ zwischen diplomatischen Bemühungen um den Frieden und immer wieder mit wachsender Grausamkeit ausgetragenen Schlachten, bisweilen mochte ich an der „Torheit der Regierenden“ verzweifeln (wie beim Lesen des gleichnamigen Buches von Barbara Tuchman), fühlte mich an gegenwärtige Konfliktverläufe und die damit einhergehende Ohnmacht erinnert.

Insbesondere das Geschehen nach dem Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf in der Schlacht von Lützen ähnelt heutigen Leiden ganzer Völker in Afrika, im Nahen und Fernen Osten: Der Krieg ist in zahllose Parteien und Schauplätze fragmentiert, Bündnisse wechseln ständig, Flucht und Vertreibung werden alltäglich. Für eine wachsende Zahl junger Männer und für den Tross tauglicher Frauen und Kinder wird Krieg zur Lebensform, es sind genug Waffen da, immer neue Heere unterschiedlicher Größe werden – meist auf Pump – in Dienst gestellt. Sie plündern Landwirtschaft und Handwerk doppelt aus: Anführer holen sich von ihnen das Geld für den Schuldendienst, marodierende Soldaten versorgen sich auf ihren Zügen quer durchs Land. Ihrer Existenz beraubte Bauern werden zu Gesetzlosen, die ihrerseits Söldner überfallen.

Die Serien der Feldzüge und Schlachten ermüdeten mich –  es fiel bisweilen schwer, den Überblick über Personal, Herrschaftswechsel, Finanztransaktionen zu behalten, aber ich habe bei der Lektüre viel über die Verfasstheit des Deutschen Kaiserreiches und seiner Nachbarn erfahren, über dynastische Beziehungen, auch über kulturgeschichtliche Leistungen jener Zeit, etwa die von Hugo Grotius für ein späteres Völkerrecht. Waffensysteme, militärische Ordnung, juristische Reformversuche wurden mir ebenso verständlich wie die konfessionellen Friktionen innerhalb der Reihen vermeintlich unversöhnlicher Katholiken, Lutheraner und Calvinisten. Koalitionen wechselten, häufig liefen Offiziere und Söldner über, einfach um zu überleben. Die  politischen Ziele einzelner Protagonisten in Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Polen, Dänemark, Schweden wirkten auf die der Reichsfürsten, der Reichs- und Hansestädte ein. Wir sehen gekrönte Häupter, Karrieristen, ideologische Einpeitscher die Zukunft ganzer Regionen einem kurzfristigen Gewinn opfern – bisweilen nur, weil sie sich für die Kriegsführung bis zum Bankrott verschuldet haben. Die Habsburger Rudolf II., Ferdinand II. und sein Sohn Ferdinand III. trugen die Krone, lavierten indessen öfter getrieben als entschlossen zwischen dynastischen, konfessionellen und Reichsinteressen.

Wilson folgt auch den Informationskanälen jeder Zeit: den Gerüchten, Botschaften und Briefen. Falschnachricht und Greuelpropaganda sind politische Mittel. Seine kluge Dramaturgie hält  den Wechsel zwischen Detailschärfe und Gesamtschau über lange Strecken durch. Er kommentiert andere Sichtweisen aus der älteren und neueren Geschichtsschreibung – und es wird besonders interessant, wenn der Krieg am Verschleiß seiner eigenen Ressourcen dahinsiecht, wenn Gemetzel, Hunger und Seuchen die Bevölkerung dezimiert haben, die Energie der Militärs aufgebraucht ist. Selbst dann, schreibt er “richtete Krieg Chaos und Verwüstung an, aber er blieb zugleich streng kontrolliert und zielgerichtet. Militärische Operationen waren weiterhin darauf ausgerichtet, politische Ziele zu unterstützen, da die Herrscher ihre Verhandlungs-positionen zu verbessern suchten. Womöglich wurde die Wechselbeziehung zwischen Kriegführung und Diplomatie sogar enger, da offensichtlich wurde, dass niemand seine Ziele ausschließlich mit militärischen Mitteln erreichen konnte.”

Der sterbende Krieg schleppte sich halbwegs geordnet in den Westfälischen Frieden. Wie Wilson ihn im Dritten Teil des Buches analysiert, gehört zu dessen Stärken. „Die Bedeutung des Westfälischen Friedens liegt nicht in der Anzahl der Konflikte, die er zu lösen beabsichtigte, sondern in den Methoden und Idealen, die er dabei anwendete.“ schreibt er. So schuf der Vertrag von Münster und Osnabrück auch Anfangs- und Randbedingungen für die nächsten Kriege – und beeinflusste viele Friedensschlüsse kommender Jahrhunderte.

In den beiden Schlusskapiteln blickt Wilson auf die Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Demographie, Kultur während und nach dem Krieg zurück, beleuchtet zugleich bisherige Darstellungen. Sein Wissen ist enzyklopädisch, die Zahlen und Daten sind eindrucksvoll – das belegen auch die ausführlichen Anmerkungen. Mir gefiel indessen besonders, wie er mit seinen Quellen, wie er mit dem Begriff der Erfahrung umgeht. „Der Krieg als Medienereignis“ kam damals in die Welt. Der Zeitungsmarkt boomte. Heute wie damals verkaufen sich Nachrichten über Blutbäder und das Scheitern der Politiker am besten, und das heutige Publikum sieht gebannt und ohnmächtig zu, wie Menschen zu Schlächtern werden, verblendet von Feindbildern, Habgier und Herrschsucht: Gewalt – Macht – Lust.

Wilson hat das Geschehen in seiner Komplexität erfasst, in einer sachlichen, Vorurteile, vorschnelle Verallgemeinerungen und jedes Moralisieren vermeidenden Sprache. Sein historisches Panorama ist ein großes Werk. Es veranschaulicht anthropologische Konstanten: Der Mensch ist hin- und hergeworfen zwischen individueller Freiheit und Verantwortung und den Zwängen sozialer Bindung, die in der Subalternität bis zur Selbstzerstörung verstärkt werden. Ich wünschte dem Buch weiteste Verbreitung über das wissenschaftliche Interesse hinaus – vor allem unter Regierenden. Und ohne mir ein fachliches Urteil anmaßen zu wollen: Tomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt haben es vortrefflich aus dem Englischen übersetzt.

Geben wir dem Autor das letzte Wort: „Obwohl sie mittlerweile verstummt sind, sprechen die Stimmen aus dem 17. Jahrhundert immer noch zu uns aus unzähligen Texten und Bildern, die wir glücklicherweise besitzen. Sie warnen uns auch weiterhin vor der Gefahr, jenen Macht zu verleihen, die sich durch Gott zum Krieg berufen fühlen oder glauben, dass ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung die einzig gültigen sind.“

„Der Dreißigjährige Krieg – eine europäische Tragödie“ Theiss Verlag, 1160 Seiten, 49,90 €

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Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Jugend ohne rote Sonne

Chinakinder_medDieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil es die besondere Lage der jungen Menschen in ihrer speziellen politischen, ethnischen, wirtschaftlichen und familiären Umgebung ausleuchtet. Der Leser erfährt so zugleich etwas über die Mannigfaltigkeit von Problemen, die etwa infolge der Ein-Kind-Politik entstanden – und China eine überalterte Bevölkerung sowie Mangel an Frauen im Heiratsalter bescherten. Zu beinahe jedem dieser zahllosen Probleme finden die Chinesen originelle Lösungen, oft als Schlupflöcher in den starren staatlichen Regelsystemen. Beispiel „Hukou“, die „Haushaltsregistrierung“: Kein Chinese darf seinen Wohnort frei wählen. Dadurch können Wanderarbeiter – es sind Hunderte Millionen – Sozialleistungen nur am ursprünglichen Wohnort beziehen, nur dort dürfen ihre Kinder zur Schule gehen.  Millionenfach müssen sich Familien trennen. Das System ist ebenso dysfunktional wie „Gaokao“, die Zugangsbestimmungen für Hochschulen. Korruption und Bürokratie sind auch infolgedessen monströs. Umso mehr verblüffen der Mut und Einfallsreichtum vieler Heranwachsender.

Egal ob Punk, an der Leistungsgrenze schuftender Wander- oder treuer Parteiarbeiter, egal ob „Tochter aus reichem Haus“ mit unternehmerischem Ehrgeiz, Feministin oder Homosexueller: Bei den meisten findet sich neben der Neugier auf die Welt und dem Wunsch, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, eine grundlegende Loyalität zum eigenen Land. Wenn der Wunsch nach Freiheit sich mit dem nach sozialer Verantwortung verbindet, hängt das gleichwohl eher mit traditionellen Verpflichtungen auf die Familie als mit politischen Motiven zusammen.

Im kommunistischen China hilft unpolitischer Pragmatismus zu überleben. Totalitäre Herrschaft unterdrückt Konflikte und erlegt Medien Zensur und Selbstzensur auf. Die Bruchlinien zeigen sich am Verhältnis zu Hongkong und Taiwan; dort treten viele junge Menschen entschieden für demokratische Entwicklung ein, den Nationalismus aus Peking lehnen sie ab. Der weltweite Austausch vor allem von Studenten arbeitet ihnen zu.

Jörg Endriss und Sonja Maaß beschreiben neben Metrolpolen auch dörfliches Leben. Sie sind weit gereist – etwa in die Provinz Yunnan im Südwesten. Die Artikel von dort zeigen den Farbenreichtum des Riesenreiches, auch ins Buch eingebundene Fotos wecken die Lust, es kennenzulernen. Anmerkungen im Glossar helfen zum Verständnis, auch das gescheite Nachwort, das wichtige wirtschaftliche, politische, kulturelle Gegebenheiten zusammenfasst. Die Autoren trafen auf neugierige, aufgeschlossene junge Menschen, die ihre Wünsche und Ziele an einem weiten Horizont suchen. Die rote Sonne Mao Zedong hat außerhalb der politischen Doktrin keinen Widerschein mehr.

Jörg Endriss, Sonja Maaß „Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt“

Conbook-Verlag, 410 Seiten, 12,95 €

Der Affenkönig und die Kommunistin

Gelbflussgeister
Die Ausgabe des Greifenverlages aus den 50er Jahren

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses”, eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte – keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.
Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.
JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.
Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich die Schattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.
Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.
Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortreffliche Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht.
Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.

Ade effbee!

Wohnort, Heimat, ZufluchtFraglos war’s eine wichtige Erfahrung, fraglos waren unter den fb-Kontakten, etwas hochtrabend Freunde geheißen, wirklich interessante, kluge, poetische, witzige Menschen mit lesenswerten Texten und ansehnlichen Fotos, aber nach sieben Jahren (wie die Zeit vergeht!) kann ich dem „Sozialen Netzwerk“ nur noch wenig abgewinnen, es frisst andererseits unverhältnismäßig viel Zeit, betrachte ich auch nur das rasche „Drüberscrollen“ bei Banalitäten, Pöbeleien, Panikmache, -zigfach Geteiltem, Werbung, … .
Drum habe ich meinen fb-Account heute stillgelegt. Wer wirklich an meinen Gedanken, Reflexionen, Pointen, Fotos interessiert ist, findet meinen Weblog – und kann den direkten Meinungsaustausch suchen, dafür gibt’s obendrein die „Literatur“-Community bei google+, twittern werde ich auch bisweilen.

Viel besser gefällt mir der persönliche Umgang mit Freunden: Er ist unersetzlich, es kann einer gar nicht genug Zeit darauf verwenden, Freundschaften zu pflegen, die den Namen verdienen, noch dazu, da seine Lebensspanne erkennbar gegen Null geht. In diesem Sinn: Willkommen hier oder bei meinen Veranstaltungen etwa im „Atlantic Parkhotel“ in Baden-Baden. Die nächste wird am 14. Oktober sein und hat den Titel „Keine Angst vor netten Leuten“. Satirische Texte von Tucholsky bis heute stehen auf dem Programm.

Survival of the Fittest – oder mehr?

Das Foto dieser Möchsgrasmücke stammt aus der Wikipedia:

taken by Jakub Stančo, Original uploader was Poutnik2 at cs.wikipedia – Originally from cs.wikipedia; description page is/was here., CC BY-SA 3.0.

Wir haben hier alle Jahre wieder so einen Sänger vorm Balkon – er lässt sich nicht gern fotografieren. Er hascht nicht nach Applaus, nur nach der Zuneigung seiner Angebeteten – und er will mit seinem Gesang wohl auch erreichen, dass Konkurrenten gefälligst woanders ihre Gene reproduzieren. Soweit die pragmatisch-biologische Lesart. Dass er – absichtslos – das Herz einer völlig fremden Spezies zu rühren vermag, deren Musikproduktion die sämtlicher Mönchgrasmücken-Populationen um Größenordnungen übersteigt, gehört für mich zu den erbaulichen Wundern dieser Welt. Sie erstaunen mich um so mehr in Zeiten, da Gebrüll und Imponiergehabe meiner Gattung mir bisweilen die Sprache verschlagen.

Was ich von Herrn Grasmücke, Herrn Amsel, Herrn Rotschwanz und all den anderen Hähnchen im Liebesrausch lerne? Ich pfeife auf die Eisheiligen, die manch deutschem Angestellten das Pfingstfest vergällen. Wenn einem schon das Wetter die Lebensfreude verdirbt – wie will er seiner Liebsten gefallen? Und wozu braucht er eigentlich noch das Nest?

Vor der Lesung

rainer_maria_rilke‪#‎Rilke‬ lesen ist…Rilke lesen. Mir fallen keine Attribute ein, weil ich dabei viel mehr erlebt habe, als die so respektvolle wie flüchtige Bekanntschaft mit Gedichten und Blicke auf Biographisches erwarten ließen. Wie dieser Eigenartige durch das Europa des Fin de Siecle zog, russische, französische, schwedische, italienische… Impressionen aufsog und verdichtete! Er hat von sich selbst behauptet, dass er kein Leser sei, es vielleicht erst werden müsse – dazu hatte er keine Zeit. Mit gerade 51 starb er, schon zu Lebzeiten berühmt, und in Furcht vor dem Ruhm:

 

Ich fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle Dinge um.

Schlafen… träumen…

IMG_0317Wie kostbar diese jenseitigen Welten sind. Das Bewusstsein befasst sich dort nur noch eingeschränkt mit unmittelbaren Reizen; es wird vom Unbewussten, vom Erinnern, von Wünschen und Ängsten bewegt. Es muss ihnen folgen in gegenstandslose, phantastische, manchmal furchterregende Geschehnisse. Was im Alltag nicht zu merken ist – dass hinter Entscheidungen nur selten vernünftiges Abwägen steht – wird hier und jetzt universelles Programm. Alles ist möglich. Es muss nur einen Kondensationskeim geben, an den sich chaotisch schweifende Erinnerungen anlagern können, egal ob sie frühkindlichem Erleben oder einer Fernsehserie entspringen. Von diesem Keim aus vernetzen und verweben sich Landschaften, Figuren, Situationen innerhalb von Hundertstelsekunden. Sie sind flüchtig, aber sie können stärker wirken als real Erlebtes.

Hirnforscher wollen aufklären, was da “wirklich” geschieht. Sie wollen mittels hochpräziser Messung elektromagnetischer, hormoneller, zellbiologischer Abläufe die Traum und Gedankenwelten vermessen. Aber dieses “wirklich”  bedeutet doch immer nur, dass aus apparativ begrenzten Methoden des Erfassens von Daten Modelle konstruiert werden. Diese Modelle müssten in irgendeiner Form verifizierbar sein – etwa indem man aus mit ihrer Hilfe entworfenem elektromagnetischen Geschehen einen vorhersagbaren Traum entstehen ließe, also einen Film ins Traumgeschehen einspielte, dem der Träumer nicht entfliehen kann.

So etwas ist der Traum aller Despoten, Geheimdienste, vieler Produzenten mehr oder weniger schlechter Sci-Fi-Texte, Filme, Spiele. Vermutlich steckt schon viel Geld in einschlägigen Forschungen. Ihre Konsequenzen gehen – was  ökonomische und politische Macht anlangt – über Kernkraft, Gentechnik, IT und Internet hinaus. Sie verschärfen alle Fragen nach menschlicher Verantwortung bis tief ins Persönliche. Stirbt infolge solcher “digitaler Transparenz” des Individuums nicht jedes Vertrauen, sogar das zu sich selbst?

Einstweilen freue ich mich an allen Abenteuern, zu denen ich ins Universum der Träume eingeladen – oder sollte ich besser sagen: entführt? – werde. Manchmal freue ich mich auch, von dort unversehrt zurückzukehren in eine Realität voller Überraschungen. Gott sei Dank wird sie sich nie ganz kontrollieren lassen, und das bedeutet: überhaupt nicht.

Enthemmt–und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.

Vom Glück, einen Nagel im Kopf zu haben

sorokin_telluriaUnter Theaterleuten in Ostberlin war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine geläufige Redensart, Einer oder Eine habe “einen Nagel im Kopf”. Solche Figuren fielen dadurch auf, dass sie sich abweichend von der Normalität verhielten. Die Normen setzte eine totalitäre Gesellschaft –  also changierte die Bedeutung der Redensart: Wer einen Nagel im Kopf hatte, konnte ein Psychopath sein, ein Idiot oder jemand, der sich auf irgend mögliche Art und Weise den Regeln, Bedrohungen und Verführungen vermeintlicher Normalität durch skurriles, paradoxes oder sonstwie dekonstruktives Verhalten entzog. Jedenfalls schwang, wenn das Prädikat vom Nagel im Kopf, einem langen gar, oder – Superlativ – einem rostigen, vergeben wurde, weniger Häme als eine gewisse Achtung mit. Der Nagel im Kopf war eine mit kollektiver Erwartung unvereinbare Lebensform.

Vielleicht ist das Sorokins genialer Kunstgriff: Dass in einer zukünftigen Gesellschaft der Nagel im Kopf zur kollektiven Wunschvorstellung werden könnte. Dass in nicht allzu fernen Tagen nach allerlei Kriegen der Eurasier gegen Wahabiten und Salafisten, nach zwiespältigen Bündnissen mit Chinesen sich – in Russland zumal – seltsame neue Kleinstaaten bilden könnten, deren einer im fast unwegsamen Altaigebirge zur neuen Schweiz aufstiege, nicht als Hort des Geldes, sondern als Hort des Tellurs, Rohstoff für einzigartige Nägel. Ein Keil aus dem seltenen Element, kunstvoll eingeschlagen möglichst von Fachleuten, verschafft dem Kopfinhaber das wahre Glück auf Erden. Das Tellur korrodiert, der Nagel “rostet” und entfaltet eine enorm vitalisierende Kraft, leider macht das süchtig. Deshalb mangelt es nicht an Schwarzhändlern, Fälschern und scheiternden Selbstversuchen.

In dieser schrägen Welt, bevölkert von allerlei Chimären, Zwergen, Riesen, Abenteurern, tun die Menschen, was sie schon immer taten, tun und zweifellos auch in hundert Jahren noch tun werden. Sie tun es mit phantastischen Gadgets, einer Art Zauberschwämmen etwa, die “Grips” heißen und das Smartphone in holographische Dimensionen erweitern, sie tun es in verwahrlosten Vierteln oder einsam im Wald. Sorokin erzählt das in mannigfachen Stilformen und Redeweisen,  etwa der eines Kentauren, und ich gestehe, selten in meinem Leben bei einer Lektüre mehr gelacht, den Schmerz hinterm Sarkasmus intensiver gespürt und mich einem eigentlich Fremden näher gefühlt zu haben. Den Reichtum an Einfällen aus dem Russischen ins Deutsche zu retten, bedurfte es eines Übersetzer-Teams. Ich muss nicht alle Namen nennen – sie haben es toll gemacht.

Gern nähme ich diesen Autor unter meine ganz persönlichen Serapionsbrüder auf. Es ist eine Runde, in der E.T.A. Hoffmann gespenstert, Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Michail Bulgakow mit Entsetzen Scherz treiben. Noch im erbarmungslosen Buchmarkt überleben sie dank unübertrefflicher Appelle an die Angstlust der Leser, egal ob subtil oder wie  beim Kasperltheater. Natürlich ist “Tellluria” auch voll bitterer Satire. Es schürt die Sucht nach intellektuellen Wechselbädern: Lässt sich der irrationale Mensch am Ende dank einer Heilsgeschichte doch mit der Realität versöhnen?

Erwartet wer eine Antwort? Ein “Utopia” in “Telluria”?  Für den ist, glaube ich, dieses Buch nicht geschrieben. Eher für Romantiker mit einem sehr langen, rostigen Nagel im Kopf.

Vladimir Sorokin „Telluria“ bei Kiepenheuer und Witsch
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
ISBN: 978-3-462-04811-7
Erschienen am: 01.08.2015
416 Seiten, gebunden, 22,99 €