Archiv der Kategorie: Blogospäre

Ade effbee!

Wohnort, Heimat, ZufluchtFraglos war’s eine wichtige Erfahrung, fraglos waren unter den fb-Kontakten, etwas hochtrabend Freunde geheißen, wirklich interessante, kluge, poetische, witzige Menschen mit lesenswerten Texten und ansehnlichen Fotos, aber nach sieben Jahren (wie die Zeit vergeht!) kann ich dem „Sozialen Netzwerk“ nur noch wenig abgewinnen, es frisst andererseits unverhältnismäßig viel Zeit, betrachte ich auch nur das rasche „Drüberscrollen“ bei Banalitäten, Pöbeleien, Panikmache, -zigfach Geteiltem, Werbung, … .
Drum habe ich meinen fb-Account heute stillgelegt. Wer wirklich an meinen Gedanken, Reflexionen, Pointen, Fotos interessiert ist, findet meinen Weblog – und kann den direkten Meinungsaustausch suchen, dafür gibt’s obendrein die „Literatur“-Community bei google+, twittern werde ich auch bisweilen.

Viel besser gefällt mir der persönliche Umgang mit Freunden: Er ist unersetzlich, es kann einer gar nicht genug Zeit darauf verwenden, Freundschaften zu pflegen, die den Namen verdienen, noch dazu, da seine Lebensspanne erkennbar gegen Null geht. In diesem Sinn: Willkommen hier oder bei meinen Veranstaltungen etwa im „Atlantic Parkhotel“ in Baden-Baden. Die nächste wird am 14. Oktober sein und hat den Titel „Keine Angst vor netten Leuten“. Satirische Texte von Tucholsky bis heute stehen auf dem Programm.

Survival of the Fittest – oder mehr?

Das Foto dieser Möchsgrasmücke stammt aus der Wikipedia:

taken by Jakub Stančo, Original uploader was Poutnik2 at cs.wikipedia – Originally from cs.wikipedia; description page is/was here., CC BY-SA 3.0.

Wir haben hier alle Jahre wieder so einen Sänger vorm Balkon – er lässt sich nicht gern fotografieren. Er hascht nicht nach Applaus, nur nach der Zuneigung seiner Angebeteten – und er will mit seinem Gesang wohl auch erreichen, dass Konkurrenten gefälligst woanders ihre Gene reproduzieren. Soweit die pragmatisch-biologische Lesart. Dass er – absichtslos – das Herz einer völlig fremden Spezies zu rühren vermag, deren Musikproduktion die sämtlicher Mönchgrasmücken-Populationen um Größenordnungen übersteigt, gehört für mich zu den erbaulichen Wundern dieser Welt. Sie erstaunen mich um so mehr in Zeiten, da Gebrüll und Imponiergehabe meiner Gattung mir bisweilen die Sprache verschlagen.

Was ich von Herrn Grasmücke, Herrn Amsel, Herrn Rotschwanz und all den anderen Hähnchen im Liebesrausch lerne? Ich pfeife auf die Eisheiligen, die manch deutschem Angestellten das Pfingstfest vergällen. Wenn einem schon das Wetter die Lebensfreude verdirbt – wie will er seiner Liebsten gefallen? Und wozu braucht er eigentlich noch das Nest?

Enthemmt–und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.

Gut und Böse

Gut und Böse - sauber geschieden? Gut und böse – sauber geschieden?

Was hat es eigentlich mit dem Begriff „Gutmenschen“ auf sich? Handelt es sich um eine Frage der Ehre? Wird ein Anspruch – Gutes tun zu wollen – zu einer Beleidigung?

Nachdem Paukboden und Pistolenduell als Beweise der Ehrenhaftigkeit ein wenig aus der Mode gekommen sind, scheint es doch ein starkes Bedürfnis nach Ersatz zu geben – zumindest im Verbalen. Da ist mit Worten statt Waffen ein weniger ehrenhafter Gegner zu erledigen. Der „Neoliberale“ und der „Chauvi“, der „Rassist“ und „Homophobe“ leisten in diesen Wortgefechten ebenso gute Dienste wie der „Kommunist“ oder „Gutmensch“. In Balz- und Rivalitätsritualen geübten Männern ist ein jahrhunderttausende alter Vorsprung, den Damen ein gewisser Nachholbedarf in derlei Attacken zweifellos zuzugestehen. Alles in allem bleibt es spannend – und einträglich für den Boulevard, also auch für die gebührenfinanzierten Anstalten, denn Gewalt Macht Lust – sei’s auch nur in Form verbaler Kraftmeierei – ist das Geheimnis jeglichen erfolgreichen“Storytellings“. Das gilt auch für Kraftmeierinnenei – Alice Schwarzer wird es gern bestätigen.

Das Universum bewegt sich inzwischen ungerührt weiter, die Reserven des Planeten werden für alle – unabhängig vom Geschlecht, der Religion, der Überzeugung eigener Unfehlbarkeit knapper. Vielleicht könnte man’s so formulieren: Egal an welche Götter einer glaubt: Er sollte nicht wähnen, dass deren Geduld mit der Schwachsinnigkeit seiner Gemeinde unerschöpflich ist.

Aber genau das ist der Wahn, dem gegenüber sich bislang alle Versuche verständigen Nachdenkens schlecht behaupten konnten. Okay: Die Sache bleibt spannend, je nach persönlicher Position mehr oder weniger ernst, vielleicht nicht einmal hoffnungslos. Allerdings kommen wir auf keinen Fall raus. Es wäre eine Überlegung  wert, ob man nicht vielleicht doch mehr Energie in die Suche nach gemeinsamen Zielen und Partnerschaften investieren sollte als in die nach wunderbar aufregenden Feindbildern.

Klebstoff der Dikaturen

“In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön”, hat Heiner Müller gesagt. Berge, Seen, Wälder, Flüsse: die Romantik des Naturschönen war in allen deutschen Diktaturen Fluchtpunkt der Verängstigten und amtlicher Tranquilizer zugleich. Die Landschaften sind heute anders bedroht als zu DäDäÄrr-Zeiten. Aber der alte, giftige Klebstoff der Diktaturen funktioniert immer noch: die zwei Komponenten Angst und Gewohnheit sind offenbar nur durch Katastrophen aufzulösen. Ein Gespräch zweier Frauen am Liepnitzsee, einer Idylle nahe bei Erich & Erichs Residenz Wandlitz in den 80er Jahren, offenbart die Brüchigkeit eines Lebens, das “riskantes” Vertrauen durch Kontrolle ersetzen will.

Liepnitz„Was machen wir jetzt?“ Antje und Gabi saßen am Ufer des Liepnitzsees, die Kinder ließen Steinchen springen, peitschten Brillanten in die Sonne des Altweibersommers, spürten Krebse auf, schnorchelten. „Sie sind vollkommen unbeschwert“, sagte Antje, „Karsten gehört ihnen ja auch irgendwie, nicht nur uns. Die Jungs raufen, spielen Fußball mit ihm, Carla schwärmt vom Fernsehstar – ‚der Freund von Gojko Mitic‘! Mir wär’s egal, dass du mit ihm schläfst, mir ist nur nicht so ganz egal, dass es nebenan passiert.“

„Und dass er bei der Stasi unterschrieben hat, ist dir das auch egal?“

„Dir nicht?“

Gabi schwieg. Ein Spitzel, von dem alle wussten, war auf den ersten Blick nicht viel wert für einen Geheimdienst, nicht als Informant jedenfalls. Alle würden sich in seiner Anwesenheit zurückhalten mit gefährlichen Äußerungen, ihn abschneiden von Vertraulichkeit. Sie konnten aber auch niemals Vertrauliches besprechen, gar vereinbaren: Solange er da war, war die Macht da, die Drohung. Wie konnte er selbst mit dieser Aura leben? Alles was er sprach, was er tat, stand unter Vorbehalt, jeder Raum füllte sich mit Misstrauen, sobald er ihn betrat, denn er würde nie beweisen können, dass mit seiner Enttarnung die Verbindung zur Stasi beendet war. Gabi stellte sich vor, sie selbst brächte eine Runde zum Verstummen, indem sie nur erschiene. Sie würde grinsen, Hallo sagen und „Alles okay?“, und dann redeten alle von Belanglosem. Eine Aura wie von billigem Parfüm umgäbe sie. Angenommen es gäbe einen zweiten Spitzel – wäre er dann der einzige, der ihr unverkrampft begegnete? Oder müsste er, damit seine Tarnung intakt bliebe, die Enttarnte mit besonderer Verachtung strafen? Wäre also schärfstes Misstrauen, besonderer Vorbehalt angebracht gegenüber den Vorsichtigen und Standfesten?

In diesem Augenblick begriff Gabriele Fürbringer, dass die Stasi mit ihrem Spitzelwesen jegliches Vertrauen zerstörte. Sie fragte sich, was dann übrig blieb: „Was bliebe übrig, wenn wir einfach alle eine Verpflichtungserklärung unterschrieben? Wären wir alle brav oder säßen wir alle im Knast?“

„Wir sitzen doch alle im Knast“, grinste Antje, „die Stasis womöglich noch mehr als wir. Glaubst du, dass die sich nicht gegenseitig fortwährend belauern? ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘, Lenin, schon vergessen? Da drüben bei den Dauercampern auf der Insel sind sie unter sich, wetten? Nicht zu reden vom eingezäunten Bonzenbad oder der Siedlung nebenan in Wandlitz. Vielleicht erzählen sie sich dort beim Grillen die schärfsten politischen Witze – vielleicht aber auch nicht.“

„Dann wäre Mielke der Einzige, der überhaupt noch irgendwem vertrauen könnte, weil er alles und alle kontrolliert“, meinte Gabi, „er dürfte über Witze als einziger unbeschwert lachen.“ Antje freute sich: „Wenn es so perfekt funktionierte, klar. Er wäre Gott, vorausgesetzt alle Informationen wären wahr, kämen bei ihm an und er könnte sie verwerten. Aber das Ganze ist ein undurchschaubares Gestrüpp von Lügen, Halbwahrheiten, erschlichenen oder erpressten Wahrheiten. Nicht mal Honecker kann sich sicher fühlen, er hat Ulbricht gestürzt, er traut keinem, denn er kennt die Tricks. Wenn wir alle unterschrieben, uns fortwährend gegenseitig zu denunzieren, wäre das Chaos nur ein kleines bisschen schlimmer. Vermutlich lebten wir nicht viel anders als wir ’s sowieso tun, weil der Alltag hauptsächlich aus Routinen besteht, die den Oberstasis egal sind. Mit der Liebe würde es schwierig, das kannst du in ‚1984‘ von George Orwell nachlesen. Liebe ohne Vertrauen? Beides wäre einfach totkontrolliert.“

Gabi nickte. „Du hast mir vertraut, ich hab ’s verdorben.“ Antje nahm sie in den Arm. „Nein, um Gottes willen. Nicht wegen dem Typ. Den kannst du geschenkt haben, mach mit ihm, was du willst. Du solltest ihn nur von uns – dir, mir, den Kindern, den Freunden fernhalten. Keine Ahnung wie du ’s anstellst, ich hoffe, dass der Anfall von Verliebtheit vorübergeht. Bei mir hat er nicht lange gedauert, meine Freundschaft zu dir verträgt mehr.“

„Er hat versprochen, dass er den Stasioffizier hängen lässt, ihn mit Banalitäten abspeist, niemals etwas zu unserem Nachteil ausplaudern wird.“ Gabi seufzte, schmiegte sich in Antjes Umarmung. Der See lächelte. „Na also“, hörte Gabi Antje sagen, „dann kannst du entscheiden, ob du ihm vertrauen willst. Kontrollieren kannst du ihn ja nicht.“

Neger, Neger, Schornsteinfeger

Schwedt 1980

Zonendödel mit schwulem Einschlag verpestet die Umwelt

Neger, Bleichgesichter, Schlitzaugen: Ich kann mit der Bezeichnung 大鼻子(Großnase) leben, sogar mit Schweinefleischfresser – es entspricht den Tatsachen. Auf die Umgangsformen der meisten Zeitgenossen habe ich keinen Einfluss, mir genügt, Leuten ohne Umgangsformen aus dem Weg zu gehen. Ab „Motherfucker“ weiß ich, dass die Ansage von einem pubertierenden Brüllaffen kommt, von hoffnungslosen Fällen oder besten Freunden, die sowas mit breitem Grinsen servieren. Kommunikation ist ’ne komplexe Angelegenheit. Deppen sind damit manchmal überfordert. Kinder kann man erziehen.

Soviel zu einem Konflikt, der seit Wochen auch im Internet ausgetragen wird. Natürlich führt das Internet unweigerlich dazu, dass in demselben – wie in allen anderen Medien – alle Konflikte samt ihrer Dynamik im menschlichen Verhalten aufscheinen. Dabei fällt zweierlei auf: Es bilden sich unversöhnliche Parteien und die jeweils andere wird in nicht wenigen Stellungnahmen entweder des Rassismus oder des Dogmatismus verdächtigt: Schützengräben werden ausgehoben, die so alt wie tief sind. Das „automatische Ausblenden“ der eigentlichen Ziele des folgenden verbalen Geballers ist nichts anderes als eine der Konfliktwahrnehmung immanente Verhaltensstrategie – mit der Folge des „Tunnelblicks“. Gott sei Dank haben sich infolge einiger Weltkriege auch Kulturtechniken entwickelt, die der Ausprägung von Feindbildern und Vernichtungsplänen (mundtot machen gehört dazu) überlegen sind – zum Nutzen beider Seiten.

Es ist zu hoffen, dass der verständige Diskurs sich der Ziele von Kultur erinnert. In meinen Augen das wichtigste: Kultur schafft Vertrauen. Kinder können lesen lernen. Sie können sogar lernen, sich gegenseitig mit breitestem Grinsen Schimpfworte zu sagen, dabei einen Heidenspaß haben und die dicksten Freunde werden – unabhängig von der Hautfarbe, der Augenform oder der Religionszugehörigkeit. Auf die Umgebung kommt es an.

Habt ihr das jetzt endlich kapiert, ihr kreuzdämlichen Lappeduddel? Smiley mit geöffnetem Mund

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

„Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte“ ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie „Wolkenzüge“. Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils – „Raketenschirm“ – lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.

 

Die Wonnen des Dazugehörens

Die Erschaffung des An-Gestell-ten” habe ich das zweite Kapitel von “Der menschliche Kosmos” überschrieben. Es löste heftige Gegenwehr aus – vor allem bei Angestellten, die sich zu Unrecht angegriffen sahen.

Das Ziel des Textes war nun keineswegs eine Attacke auf Menschen, die erfolgreich davon leben, ihr Einkommen durch ein vertragliches Arbeitsverhältnis zu sichern und so ihre Familien zu versorgen, sondern eine Attacke auf die organisierte Verantwortungslosigkeit in der Praxis solcher Verhältnisse. Ein leitender Angestellter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat das auf die Formel gebracht “Ich bin nur der Kugelschreiber des Fernsehdirektors”.

(…) Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet – als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.

Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben – nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ – sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten – oder dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgend einer der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.

Am Ende bleibt eigentlich nur eine – neue – Angst: aus dem Gestell herauszufallen. Sie ist Spielart einer Urangst. (…)

Je länger ein Mensch in einen Sozialverbund eingebettet ist, desto stärker hängt sein Selbstwertgefühl von dessen Ritualen und der Rolle ab, die er spielt. Verstößt ihn die Gemeinschaft, verliert er für lange Zeit – womöglich für immer – den Halt. Es gibt Individualisten – Selbständige – die an diesem Konflikt wachsen, manche werden zu erfolgreichen Führungspersönlichkeiten, zu Künstlern, Exoten, andere scheitern nachhaltig: als Tyrannen, Dauerpatienten in der Psychiatrie, Selbstmörder, Amokläufer.

Das lebenslange Spannungsverhältnis zwischen Individuum und sozialem Umfeld bringt aber auch den Typ des Mitläufers hervor, der offene Konflikte meidet, sich jedenfalls lieber anpasst als aneckt. Er entwickelt ein geradezu süchtiges Verhalten nach Konformität und er ist das “Futter” jeder hierarchisch aufgebauten Organisation wie ihr Fluch, denn er ist grundsätzlich illoyal. Er ist ein “Herdentier” – und das ist ein “evolutionsgeschichtlich erfolgreiches” Verhaltensmuster. Ihm haftet nur unter Menschen ein dunkler Zug an: “schwarze Schafe” müssen weggebissen werden, erbarmungslos, wenn’s das Herdenritual verlangt. Das zwanzigste Jahrhundert kennt mörderische Höhepunkte solcher Rituale. Nichts war und ist besser mit Argumenten bewaffnet, als die Rechtfertigungen der Gewalt, von Angestellten “im Namen des Volkes” oder der Partei ausgeübt.

Solche Figuren haben mich als Parteigänger der SED und Stasi-IM umwedelt, so lange sie sich Vorteile versprachen. Vergleichbare Karriereopportunisten finden sich in den Hierarchien des Westens ebenso wie in China: Sie schwingen Transparente für das Gute, gegen das Unrecht in der Welt – und sie zögern keine Sekunde, jedermann – ihre Freunde eingeschlossen – hinzuhängen, wenn ihre “Einbettung” in der Herde, im Gestell, es verlangt. Kracht es im Gebälk ihrer Korporation, schielen sie nach neuen Heerzeichen, um die sie sich sammeln können; wer dabei im Wege ist, wird weggekeult. Dabei blöken sie zum Erbarmen ihre Rechtfertigungsphrasen: Sie können nicht anders, wer quer steht, ist selbst schuld, wenn es ihn trifft.

Wer die Krisen und Konflikte der Finanz- und Staatswirtschaften daraufhin anschaut, welches Individualverhalten die zerstörerischen Kräfte treibt, wird unvermeidlich auf die organisierte Verantwortungslosigkeit treffen, die im Gestell der Geldmaschinen Rädchen und ein paar Stunden später Wutbürger in der Horde ist.

Unfertig bis zur Perfektion

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Baumwollspinnerei hatte zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.Januar eingeladen. Mich freute besonders, dass an diesem Abend Besucher unter 30 kamen; in Baden-Württemberg waren oft die Ü 50 unter sich. Dass gerade den Jungen die Texte aus allen drei Teilen des Romanzyklus gefielen, dass Winfried Völlger mit dem Sopran-Saxophon einen Auftakt zu künftigen Veranstaltungen gab, machte den Abend perfekt.

Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:
Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so ist die Veranstaltung untertitelt. Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
“Ikarus mit Bleigürtel”erlebte – in je nach Anlass und Ort angepasster Form – 2011 in Waal in Bayern, Suhl in Thüringen und Michelbach in Baden-Württemberg erfreuliche Resonanz. Für diese wie künftige Lesungen wähle ich entsprechende Texte aus; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig. Fragen sie einfach per E-Mail an: medien[at]live.de