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Die größte Ermutigung: Ein Leben

Reich-RanickiMarcel Reich-Ranicki hat uns etwas unendlich Kostbares hinterlassen. Es heißt „Mein Leben“. Es wiegt alle Milliarden aller Finanzmärkte dieser Welt auf – sie sind dagegen nur verbranntes Papiergeld. Der gleichnamige Film ist ein Juwel in den Müllhalden des deutschen Fernsehens. Er kann keinen Oskar bekommen – das wäre zu wenig. Ein einziger Dialogfetzen darin erklärt den Totalitarismus: „Warum tun sie das?“ „Weil sie es können.“

Heute war der Film aus dem Jahr 2009 – als Wiederholung und Nachruf anlässlich des Todes dieses Großen  in der ARD zu sehen. Ich würde gern jedem einzelnen Beteiligten sagen, wie dankbar ich für diesen Film bin: ein wunderbares, ermutigendes Zeugnis dafür, wie unentbehrlich Kultur in allen Konflikten der Zukunft sein wird – und wie sie dem Prinzip von Gewalt-Macht-Lust Grenzen setzt.

Ich habe die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2000 auf dem Flug nach Bali gelesen – es war eine Wegscheide meines Lebens. Ich wurde 50, ich begann mit der Arbeit an “Babels Berg”. Bei all  meinen literarischen Bemühungen war dieser Kritiker eine der Stimmen, die hartnäckig nach der Qualität meiner Texte fragten und mich ermutigten.

Schade, dass ich mich mit ihm nicht anlegen durfte: Das wäre ein zu großes Geschenk gewesen. Aber wann immer, wo immer und mit wem immer ich über Literatur reden werde: Er wird dabei sein.

Lebenszeit

2013-07-14 12.15.54

Der Sommer bleibt nicht. Sag: willst du denn bleiben?
Törichter Mensch, das Universum rechnet nicht
in deinen Zahlen: Stunde, Jahr und Tag.
Ist nicht dein Winter dir ins Fleisch geschrieben?
Ist’s nicht des Herzens allerletzter Schlag?

Du weißt es nicht. Du willst es gar nicht wissen.
Du wünschst, dass jeder Schmerz dich meiden soll.
Du träumst von Lust, von Liebe und von Küssen
Die ewig dauern, ohne Lebewohl.

Dein Herbst, mein Freund, winkt schon aus Rosenblüten
Die Wolken ziehn – vertrau dich ihnen an.
Du warst ein Kind, geliebt, du wurdest Mann
Und lerntest hassen, kämpfen, wüten
Bist bald ein Greis, schon färbt der Frost dein Haar –
Vertrau den Wolken. Was vergeht, ist wahr.

Kein Happy End für Pretty Woman

Beinahe eine Herzogin

Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative

Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein nächstes Zeitwort auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.

Die Sucht nach Körper

Interview mit Bergsteigern am Battertfelsen
im September bei Hochbetrieb und Superwetter: Klettern macht süchtig. Kein Wunder: Angst-Lust ist der Treibstoff nicht nur von Extremsportarten. Jeder versucht das Risiko eines Absturzes zu minimieren, aber die Luft unter den Füßen kitzelt im Bauch …
Das Körpergedächtnis bindet uns an existenzielle Erfahrungen – Absturz inklusive.

Felsen

Zug nach oben, Sog nach unten: Risikolust

Ermutigung mit Zeitzünder

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber wenn nach vier Jahren ein Buch so gelobt wird, wie „Der menschliche Kosmos“ jetzt vom wirklich sachkundigen Andreas Zeuch auf „psychophysik.com“, dann ist es ein deutliches Zeichen für die Frische der Texte und ein Grund zur Freude:
„Wer sich von – wie es auf dem Buchrücken selbst lautet – „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.“

Herbstnah

Blick über Blumen in den Wald

Abschiedsblüte

Der Wald beginnt nach Sterbenszeit zu duften
Die Blüten nicken Abschied vom Balkon
Im Fernsehn hören wir von großen Schuften
Den kleinen Gangstern geben wir Pardon.

Wir selbst begehen ja nur kleine Morde
Wir spucken ab und zu in ein Gesicht
Wir fühlen uns bestätigt von der Horde
Alleingelassen fühlen wir uns nicht.

Alleingelassen sind wir ganz alleine
Wie nachts ein Kind, des Mutter ging davon
Und nahm die Hand von ihm, die warme, feine
Und sichere Hand und den vertrauten Ton.

Wie welke Blätter sinken unsere Herzen.
Wir fliehn in Lärm und Licht und Witz und Braus.
In kalte Fesseln legt der Herbst das Haus
Und unsere Blicke flackern mit den Kerzen.
Wir sind in Not. Die Fenster werden trübe.
Der Arzt sagt: das sind depressive Schübe.

Ostberlin 1985 – schon vergessen?

U-Bahn von Pankow nach Alex, unten das WC

U-Bahn von Pankow nach Alex, unten das WC

Wo sich – von Stasispitzeln umsorgt – die „Literaturszene“ des Prenzlauer Bergs sammelte, auch die Szene der Homosexuellen und DDR-Lesben, auf deren Homepage sich das Foto findet, war es schräg, aber nicht lustig, heiter nur ausnahmsweise, Sarkasmus half. So entstand – ohne Aussicht, je veröffentlicht zu werden – folgendes Feuilleton:

WC


Das Café liegt an der Schönhauser, ungefähr auf halber Strecke zwischen Buchholzer und Stargarder Straße. Bei Stammkunden heißt es „WC“ und das kommt der Wirklichkeit näher als „Wiener Café“ , denn es riecht hier nach Trieb und Hoffnungslosigkeit, es ist ein Ab- Ort, ein Ort von Abseitigen und Abseitigem, eine ungeliebte aber unvermeidliche Stelle: man hat längst keine Lust, dort hinzugehen, aber es bleibt einem gelegentlich nichts anderes übrig. Fast jeder, der hierher kommt, muss etwas loswerden, mancher gar in exhibitionistischer Pose; Abprodukte geistigen und psychischen Stoffwechsels werden entladen, „Frust“ heißt das und wird weg- und hinuntergespült und gärt und reagiert weiter im Zusammenströmen, bildet kurzlebige Verbindungen, schillernd, quellend, Blasen platzen. Je nach Tageszeit fließen Rinnsale oder Ströme von Kunden zu, verlaufen sich im Unterirdischen der Großstadt, wenn um Mitternacht Schluss geboten wird.
Eine Fotoreproduktion eines Merian- Stiches vom alten Wien bedeckt eine Wand; den Schmutzablagerungen nach ist sie zur Entstehungszeit des Originals angeklebt worden.
Das Mobiliar ist von vollendeter DDR-Tristesse, der Kaffee verdient seinen Namen so wenig wie das ganze Lokal, das Bedienungspersonal hat Wienerisches nur, wenn es raunzt oder grantelt: preußischer Charme und Wiener Ordnungsliebe.
Kein Pianist bedient den alten Flügel unterm geräucherten Fotopanorama, kein Stehgeiger fiedelt sich durch. Wenn jemand – geübt oder ungeübt – in die Tasten greift, wird ihm das vom Personal ebenso harsch verwiesen, wie das Umstellen von Stühlen. Mineralwasser wird aus Geschäftsinteresse nicht serviert, ebenso wenig Schoppen preiswerter Weine. Der Laden ist immer aufs Ekelhafteste verqualmt, im Sommer stickig, im Winter zugig, weil doch ab und zu einer ein Fenster öffnen muss , damit er es bis zum Feierabend aushält, kurz: der Ort ist elend, trist und ungemütlich, das Angebot erbärmlich, der Name ein schlechter Witz – aber es ist fast immer brechend voll.
Weshalb kommen die Leute hierher?
Wegen der Leute. Die bunten Frauen wegen der verkannten Genies, die verkannten Genies wegen der bunten Frauen oder die bunten Frauen wegen der bunten Frauen – aber niemals die Genies wegen der Genies.Es gibt da einen vom Alkohol furchtbar zugerichteten Architekten, er war ganz oben, als die Stalinallee die neue Ära sozialistischer Baukunst markieren sollte; jetzt unterhält er, sich von Tisch zu Tisch hangelnd, mit alkoholischen Wirrsalen Punks und schwarzes Leder, Mädchen in uralten Fräcken oder Bratenröcken, Tätowierte oder haarkünstlerischen Exzessen verfallene Paradiesvögel, trübe Weltverbesserer, smarte Schwule, Dichter so dünnhäutig wie unbekannt, und wenn der Eichstrich erreicht ist, finden sich aus ihren Reihen, die den in Hockstellung verklumpten Schnapsleichnam nach Hause tragen.
Vor dem Tiefstgesunkenen schweigt der Konkurrenzneid: dieser ist konkurrenzlos erledigt, ein aggressiv aber wirkungslos schwafelndes Plüschtier, von niemandem mehr verachtet. Denn trotz des scheinbar duldsamen Nebeneinanders so vieler unterschiedlicher Typen, Charaktere und nur ihrem Äußeren nach zusammengehöriger Gruppen gibt es hier viel gegenseitige Geringschätzung. Führt auch der warme „WC“-Mief die Außenseiter und im Realsoz zu kurz gekommenen zusammen: schnell, wie ein Lidreflex von außen schützend, fällt Eisig-Feindliches innen vors Auge, wenn ein herzlich unwillkommener Bekannter erkannt und abgetan wird.
0 deutsche Sehnsucht nach Erlösung in Konformität, konform noch in den Formen des Nonkonformismus.
Dazwischen ein verirrter Bürger mit Bügelfalten.

„Was will’n der hier ???“
„Stasi“.
„Quatsch, schwul.“
„Stasi und schwul!“
Irgendwann kommt der Tag, wo die Tür krachend aufschlägt. Dann schwebt die Schneekönigin in weißem Tüll herein, einen Zylinder aus frostsprühenden Kristallen im himmelblauen Haar. Eisiger Hebel ist um sie herum, ihre Schritte knirschen Rauhreif ins abgelatschte Linoleum, winzige Füßchen in gläsernen Sandaletten, ihre Augen: schmelzendes Eis in einem See 7000 m überm Meer, Brillantsplitter auf den Wimpern, ihre Brauen die Grate des Eisgebirges, auf der Stirn schlummert ein Wintergewitter. Ihr Mund schwillt hellrot vom Herzblut der Opfer mitten in der arktischen Landschaft. Der Bürger sitzt unterm Tisch und spürt das Stahlrohr des Möbels magnetisch werden vor Kälte: wir nähern uns unaufhaltsam Minus 275,15°C, sein Herz ein Klumpen Trockeneis. Räuspert sich wer? Redet der vom hellen Gesicht Geblendete Verlegenes, während die spöttischen Blicke der Insider auf ihn niederklirren? Schmutzige Schneebälle fliegen ihm ins Gesicht, aber da sitzt er schon wieder, Rücken gerade und der Supermann (Apoll?), Meister aller Klassen der Männerwelt brennt der kühlen Märchenfee an seiner Statt, stellvertretend, repräsentativ, Löcher ins Glatte: zwei in die Basis, sieben in den Überbau, das historisch-materialistisch geschulte Denken bringt ihn ins Gleichgewicht, er ist gerächt. Die anderen haben den Actus – so oder so ähnlich – längst voll-
bracht, aber nun ist er unter ihnen nicht länger verloren: Männersolidarität.
Und doch – Eisprinz sein, sei es für kurz, hieße alle unter den Füßen lassen, die Sonne sehen von der Höhe ewigen Eises, baden im mörderischen Licht, die Schwärze des Kosmos ganz nahe, überm hauchdünnen Blau…
Die Königin ist längst vorüber, und hämischer Atem flickt flirrenden Flocken am Zeug, bis sie zu lauen grauen Tränen zerrinnen.
Das. „WC“ ist geschlossen. Es wird rekonstruiert, die schmuddelige Gemütlichkeit von nobler, neureicher Langeweile vertrieben. Die Legende sagt, dass das Verhältnis zwischen Gästen und Personal in den letzten Tagen voll wehmütiger Freundlichkeit gewesen sei, und am letzten Abend haben alle auf Treppen und Fußboden gesessen und zur Musik vom alten Flügel gesungen und getanzt. Vielleicht öffnet dieses Jahr das „Wiener Cafe“, aber wir werden uns dort nicht wiedersehen.

You tube für die Eine Welt

Javanischer Bauer pflügt mit Ochsen

Bauer im Dürregebiet auf Java

Seit gestern online: das Film- und Bürgerportal ”Human Pictures”. Wer engagierte Filme, Videos , Fotos – sei’s auch nur vom Handy – hochladen möchte, die ein besseres Zusammenleben von Menschen und Völkern zum Ziel haben: Hier ist der richtige Platz. Zitat aus der Plattform:
”In welcher Welt möchten Sie leben? In einer, wo niemandem etwas passieren kann, weil es eine perfekte Kontrolle gibt, oder in einer, wo jeder seinem Mitmenschen vertrauen kann, weil fast alle sich an Werten wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein orientieren?
Gefiele Ihnen ein perfekt funktionierendes System besser – mit vollkommener Gerechtigkeit – oder ein Gemeinwesen, in dem jeder aus Fehlern lernen darf, sich aber auch nicht vor schwierigen Aufgaben drücken muss?”

Lebewohl

Großmutter

Transparenz des Alterns

Die Sonne seh ich wandern durch mein Zimmer
Gesichte, Düfte, Laute lass ich ein
Ins träge, wolkenhafte Einsamsein.
So wünsch ich mir die Sommertage immer.

Im Schatten krummgewachsener Fachwerkgassen
Den Blättern lauschend unterm Lindenbaum
Schmeck ich den kühlen Quell im Fiebertraum
Kann deine weich und rauhe Hand erfassen.

Die Rosenblüten sagen: es ist Zeit
Und Gräser nicken uns ihr Lebewohl.
Was niemals blüht, ist keinem Tod geweiht
In jedem Augenblick ist Ewigkeit
Das Flüchtigste ist unser Ruhepol.

Dom zu Naumburg

Mosaikbild von anna Knauth 1855

Annas Fenster 1855

Du stiller Schatten. Kerzenduft, verbannt
Noch duftend nach verwehter Hoffnung
Heimlichen Wünschen, Träumen, barmender Verzweiflung
Nach meiner Ahne ahnendem Erschauern.

Du Stein. Du höchste Kunst in höchsten Nöten
Du Botschaft, wundersam und unerhört.
Du Friedensschauplatz, unruhvoller Hafen
So fern den Meeren, nah den Galaxien
So voll Gesichter, Stimmen, Sinfonien
Ich wünscht’ in dir den letzten Schlaf zu schlafen.