Monatsarchiv: Oktober 2012

Die intelligente Spinne

Spinne

Zwischen Zimmerdecke und Fenster hat eine Kreuzspinne bei uns ihr Netz gespannt. Welches Wunderwerk der Natur allein hinter ihren Fäden steckt, beschäftigt seit Jahrzehnten zahllose gut bezahlte Naturwissenschaftler und Ingenieure; die Ehrfurcht gebietet also, diese Vertreterin ihrer Gattung nicht mit dem Staubsauger zu verfolgen, sondern willkommen zu heißen.

Um an ein Bild zu gelangen, habe ich ein Stativ zwischen Couch und Stühlen ausbalanciert; ich will nicht behaupten, in den Bereich lebensgefährlicher Tierfotographie vorgestoßen zu sein, aber bei solchen häuslichen Balanceakten sterben mehr Menschen als Tierfotographen im Dschungel. Die Schönheit nahm dies offenbar als schuldigen Tribut – sie verharrte geduldig, bis ein vorzeigbares Konterfei geschossen war. Es war der Beweis ihrer Intelligenz, ihrer unbestreitbaren Fähigkeit, mit Menschen viel geschickter umzugehen als andere Spinnen. Sie hat einfach die überlegene Strategie.

Während nämlich andere Webspinnen sich tarnen und verstecken – in unserer Wohnung unter Fußleisten, hinter Schränken, Heizkörpern, Regalen – und sich damit den Attacken des am Samstag regelmäßig zur Reinigung verpflichteten Hausmanns aussetzen, appelliert diese Araneida ans Schönheitsempfinden. Sie tarnt sich nicht, versteckt sich nicht, sie zeigt sich.

Dieses kleine Wesen, inzwischen zu fotogener Größe herangewachsen, offenbart die ganze unglaubliche Weisheit der Natur: Unter den zahllosen menschlichen Behausungen, in denen Spinnen nicht geduldet würden, findet sich eine (ich bin sicher: es ist nicht die einzige!), wo Kreuzspinnen überleben. Und zwar nicht wegen “naturgegebener”, sondern wegen kultureller, also vermeintlich die Natur dominierender, menschlicher Erfindungen: Ästhetik und Artenschutz.

Wer den Versuch unternimmt, Natur und Kultur voneinander zu trennen, verkennt die unauflöslichen Verbindungen zwischen unserem Leben mit seinen Strategien und denen des Universums, zwischen Kleinstem und Größtem. Die Spinne ist ein unwiderlegbarer Bote der Hoffnung.

Kein Happy End für Pretty Woman

Beinahe eine Herzogin

Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative

Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein nächstes Zeitwort auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

„Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte“ ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie „Wolkenzüge“. Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils – „Raketenschirm“ – lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.