Monatsarchiv: Mai 2012

Auf dem Weg ins Paradies

Confucius_Tang_Dynasty“Die Leute”, sagt der weise Da Lao Hu (大老虎), “erzählen sich seit je gern Geschichten von der besseren Welt, in der die Bösen unterworfen sind. Dass in einer Welt mit Unterworfenen kein Frieden sein kann, kommt ihnen nicht in den Sinn, schon gar nicht, wenn sie zu den erfolgreichen Unterwerfern gehören.”

Kong Fu Tse (oder auch Konfuzius, Kong Fu Zi etc. – jedenfalls 孔夫子) hat nie die Unterwerfung getadelt, sondern auf ein harmonisches Einverständnis  zwischen Herrschern und Unterworfenen bestanden. Das war ein Verhältnis, welches ihm insonderheit gegenüber den Frauen gut gefiel. Als die westlichen Mächte im 19. Jahrhundert China militärisch demütigten, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, waren die ohnedies von feudaler Unterwerfung gepeinigten Chinesen nicht mehr sicher, welche Herren die schlimmeren waren. Sowohl die Harmonie im Kaiserreich als auch die mit den fremden Teufeln (洋鬼子)befreite sie nicht von Not und Elend. Es begann ein halbes Jahrhundert blutiger Kämpfe zwischen allen möglichen Warlords und ihren Parteien, mehr als ein Jahrzehnt grausamer Invasion und Unterwerfung durch die Japaner, an dessen Ende die Kommunisten sich als Unterwerfer des Bösen präsentieren konnten, da alle anderen – vor allem die fremden Teufel – der Bosheit zweifelsfrei überführt waren.

Mao Zedong konnte sich so sicher als Überwinder alles Bösen fühlen, dass er sich sogar mit den Propheten des Heils aus Moskau überwarf. Gemeinsam blieb den Großmächtigen beider Reiche und ihren Ideologen – Bertolt Brecht hatte für sie den Begriff “TUI” erfunden, kurz und verballhornend für “Tellekt-Uell-Ins”, er meinte damit Erklär- und Rechtfertigungsnutten – die Art, wie sie den Blutzoll für ihre Menschheitsbefreiung aus der Wahrnehmung verdrängten, damit Harmonie des Schweigens über ihre Untaten herrsche. Im Rausch der Macht gab Mao etwas leichtfertig die Argumentationshilfen des Kong Fu Zi aus der Hand, ließ ihn wie alle anderen Philosophen außer dem Großen Führer Mao Zedong aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen. Das gelang nicht ganz. Aus diesem Misserfolg zumindest haben die Nachfolger gelernt: Was als Begründung eigener Gewalt ideologisch zu gebrauchen ist, verdient, wiederentdeckt zu werden. Das ist eigentlich eine simple Marktstrategie, meinetwegen auch Darwinismus krudester Form – es scheint zu funktionieren. Noch.

Dass Gewaltherrschaft ein Verfallsdatum hat – und zwar jede – wird vermutlich ebenso langsam verstanden werden wie die Tatsache, dass man niemand zu seinem Glück oder einer Harmonie in der Unterwerfung nötigen kann, ohne den Frieden dauerhaft zu verlieren.