Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (4)


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In den vergangenen Jahrzehnten hat unser Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ emporgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen.

Um zu einer komplexen Systemen gemäßen Haltung zu gelangen, müssen wir zunächst einsehen,

1. dass „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – nur eine Hervorbringung unseres Gehirns ist, ein Konstrukt, ein Modell. Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.

2. dass es nirgendwo in unserer Umgebung irgendein System gibt – und das gilt vor allem für „lebende“ Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.

3. „innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Dabei entstehen „Metasysteme“ mit neuen Erhaltungsstrategien und eigenen Bewegungsmustern: zum Beispiel werden aus vielen Zellen Organismen deren Form und Funktion von der einzelnen Zelle nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata abzuleiten sind.

4. Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhängig existiert und diese Wechselwirkungen können wir von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – und nicht von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, uns und unsere Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass wir mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen sind – genau so selbstverständlich, wie unser Gehirn mit „kopfstehenden“ Bildern auf der Netzhaut umgeht. Das ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

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Eine Antwort zu “Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (4)

  1. Hallo Herr Sennewald.

    In meinem Funktionsmodell sehe ich mehrere Ursachen für einerseits die grundsätzliche und andererseits die kreative Gestaltung von Entwicklung: Eine (können auch mehrere sein, ist aber meist eine dominierende) aus der Vergangenheit, eine aus der aktuellen Begegnung mit der „Welt“, und eine aus (ziehend in) der Zukunft.

    Das mal nur am Rande. Sehr guter Text on Ihnen. Danke.

    Wolfgang Jensen

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