Monatsarchiv: Mai 2011

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (5)

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Die Irritation beim Wechsel zur „finalen“ Ansicht ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut können wir trainieren, bei der Einschätzung unserer Wechselwirkungen mit Menschen und Umwelt für die Mustererkennung nicht die – bewährte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen, sondern die neue Methode, auf den Erhalt innerer und äußerer Energieflüsse, den Erhalt dynamischer Gleichgewichte in Systemen und Metasystemen zu blicken, und unsere Rückkopplungen, also den Einfluss unserer eigenen Erlangungs- und Vermeidungsstrategien, so weit als möglich mit zu erfassen.

Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Es ist aber an der Zeit, ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie zu vollziehen, sondern allgemein nutzbar zu machen. Er ist längst dabei, nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern insbesondere die Psychologie und Philosophie überhaupt umzuwälzen und zu verändern. Es ist höchste Zeit, ihn auf den in Zukunft wichtigsten Komplex menschlicher Existenz, das Konfliktmanagement anzuwenden.

Damit sind wir wieder bei der Frage der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwereren Schaden zu nehmen oder gar zu Tode zu kommen wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird um so wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Darüber entscheidet ausschließlich die subjektive Wahrnehmung. Im pathologischen Fall werden alle anderen möglichen Strategien ausgeschaltet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

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Geld integriert, Geld spaltet

Integration ist ein Dauerthema deutscher Medien. Da Baden-Baden etwas Besonderes ist – ein Fokus deutscher Bindungen an die Welt gewissermaßen -, da hier schon seit dem 19. Jahrhundert die Mächtigen promenieren, bekommt Integration hier auch eine besondere Bedeutung. In Baden-Baden leben außerdem die – auf die Bevölkerungszahl bezogen – meisten von staatlicher Fürsorge Abhängigen des Bundeslandes. Teil 3 der Romantrilogie „Wolkenzüge“, einer deutschen Familiengeschichte zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert dokumentiert, wie sich die Nation vernünftigerweise auflöst, da sich niemand „abschaffen“ will.

Candides Kosequenz

Wichtig? Nur der eigene Garten!


Gustav ist zurückgekehrt ins gesegnete Baden-Baden, einen der schönsten Orte der Welt, wo sich Geldwäsche wirklich lohnt. Die Stadt ist dankbar, wenn zerfallende Gründerzeit- und Jugendstilvillen von reichen Russen, Arabern, Kapitalgesellschaften jedweder Herkunft gekauft und saniert werden. Deutsche Privatvermögen gesunden bei solchen Verkäufen, in deren Folge Mauern und Sicherheitskameras schmiedeeiserne Einzäunungen in Toplagen ersetzen. Einzelhändler, historische Bäder, Kliniken, Arztpraxen, Autowerkstätten, selbst die Stadtverwaltung stellen russischsprachige Mitarbeiter ein, der Markt erzwingt Integration in ganz anderer als von Sozialromantikern erwünschter Richtung: die Deutschen müssen sich globalen Trends assimilieren. Nur das Fernsehen bleibt sich treu: die bügelnde deutsche Hausfrau über 60 ohne Fremdsprachenkenntnis ist Zielgruppe.
Am Augustaplatz leisten wenige Aufrechte Widerstand gegen die neoliberale Marktwirtschaft. Mit gezückter Bierflasche, solidarisch im Kreis entflammten Fluppen lassen sie die soziale Gerechtigkeit hochleben, würden niemals zu chinesischen Konditionen ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten. Gustav Horbel versteht das, er war in China.

Vorwort zu “Der menschliche Kosmos” – (4)

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In den vergangenen Jahrzehnten hat unser Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ emporgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen.

Um zu einer komplexen Systemen gemäßen Haltung zu gelangen, müssen wir zunächst einsehen,

1. dass „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – nur eine Hervorbringung unseres Gehirns ist, ein Konstrukt, ein Modell. Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.

2. dass es nirgendwo in unserer Umgebung irgendein System gibt – und das gilt vor allem für „lebende“ Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.

3. „innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Dabei entstehen „Metasysteme“ mit neuen Erhaltungsstrategien und eigenen Bewegungsmustern: zum Beispiel werden aus vielen Zellen Organismen deren Form und Funktion von der einzelnen Zelle nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata abzuleiten sind.

4. Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhängig existiert und diese Wechselwirkungen können wir von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – und nicht von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, uns und unsere Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass wir mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen sind – genau so selbstverständlich, wie unser Gehirn mit „kopfstehenden“ Bildern auf der Netzhaut umgeht. Das ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

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