Monatsarchiv: Januar 2010

Besuch am Übergang

Krieg, Seuche: Menschenwerk

Wenn es Zeit ist, kommt der Gevatter
Lupft den Zylinder und sagt: „Grüß Gott!
Habe die Ehre, Herr Wichtigmann,
wir treten jetzt eine Reise an“.
Du bist nicht sicher – ist es wirklich die letzte?
Meint der mich, und bin ich heute schon dran?
Du schaust zum Kalender – die Seiten sind leer
Und deine Jaeger-Le Coultre tickt nicht mehr.
Das könnte dran liegen, dass sie als Plagiat
Aus Fernost ihre Zukunft schon hinter sich hat.
„Moment mal“, fragst du den knochigen Gast,
„kann es sein, dass du’s etwas zu eilig hast?
Da sind ein paar Dinge, die sind mir wichtig
Die muss ich noch tun“. „Ja“, sagt der Tod, „das ist richtig.
Du musst dich noch fragen, wozu du gelebt
und wieviel Schuld auf deiner Seele klebt“.
Sollst du nun lachen oder angstvoll erschauern?
Du bist dir gar keiner Schuld bewusst.
Was du tatest, hast du meistens gemusst.
Also sagst du: „Sehr geehrter Herr Tod
Mein Handeln war Dienst, ich hab nichts zu bedauern
Wenn ich was verbrach, tat ich’s nur aus der Not“.
„Klar“, nölt das Gerippe, „die klassische Nummer
wen man bricht oder abmurkst, der ist selber schuld.
So Typen wie dir macht das keinerlei Kummer
Und ich hab mit euch eine Engelsgeduld.
Denn ihr sorgt dafür, dass die Mühlen mahlen
Und andere für euch mit dem Leben bezahlen“.
„Das geht mir nun wirklich zu weit mein Herr
ich habe nie jemand umgebracht
oder gefoltert oder sonstwas gemacht“.
„Drum eben“, lächelt das Knochengesicht,
„bist du mir so besonders wichtig.
Leute wie du machen alles richtig.
Sie setzen wie du, lieber Wichtigmann
Immer den passenden Hebel an.
Ihr seid in meinen Personendaten
Der allersicherste Kernbestand.
Viel sicherer als Kriege und Greueltaten
Wir sind uns wahrhaft seelenverwandt.
Leise zerstört ihr viel Lebenszeit
Wie Krebs im Gewebe, so macht ihr euch breit.
Gut bewaffnet mit harten Zahlen
Vertreibt ihr global mein Geschäftsmodell
Kaufhäuser sind unsere Kathedralen
Wir drehn an den Börsen das Geldkarussell.
Auch du mein wackerer Wichtigmann
Treibst am Computer die Kontrollitis voran.
Du steuerst chinesische Maschinen
Und hilfst uns am Kap, in Rio und hier
Noch im letzten Weltwinkel Geld zu verdienen
An Sonne und Wasser, an Pflanze und Tier.
Du hilfst zu rechnen, in Raster zu fassen
Zellen, Atome, die Wurzeln der Welt
So können wir alles verwerten lassen,
Das Universum erlösen mit Geld.“
„Ich verstehe gar nichts von so großen Geschäften
Ich war immer nur angestellt
Versorgte die Meinen nach besten Kräften
Ein Rädchen, das sich wie alle andern verhält.“
Die Fratze lauscht deinen Worten nach
Nickt, grinst ihr Grinsen, flüstert ganz leise: „Ach
Es klingt so heiter dein Lied mir im Ohr
Die schönste Stimme im Mitläuferchor.
Nun noch den Refrain: ‚hätt ich’s nicht getan
Der Nächste steht, mich zu ersetzen, längst an.’
Tatsächlich ist es jetzt Zeit für Ersatz
Das Rädchen wird klapprig, es räume den Platz.“
„Mein bester Herr Tod“, hast du einzuwenden,
„Für Frau und Kinder bin ich noch vonnöten.
Sie brauchen mich, du darfst mich nicht töten.
Die Tochter soll erst noch das Studium beenden.“
Jetzt lacht der Gevatter ein herzliches Lachen
„Das kann sie viel besser, wenn’s dich nicht mehr gibt.
Da deine Erben den Reibach machen
Wirst du mehr tot als lebendig geliebt.
Du hast sie alle vollkommen versichert
Gegen Angst und Schrecken und jede Gefahr
Selbst Cousins und Cousinen werden verdienen
Wenn ich dich mitnehm, das ist dir doch klar.“
„Sie werden leiden, trauern und klagen.“
„Wichtigmann, du weißt selbst: das hat nichts zu sagen:
Ein Sozialritual, es heilet die Seele
Dass niemand deinetwegen zu Tode sich quäle.
Noch nie hat sich jemand ins Jenseits geklagt.
Lies die Statistik. Mit Geld wird der Kummer verjagt.
Je dicker das Konto, desto besser bewehrt
gegen Nöte: so hast du’s die Kinder gelehrt.
Nun Kopf hoch, mein Freund, die Sense ist scharf
Kein Trotz und Geschrei, wenn ich bitten darf.
Als Rädchen folg dem Mechanikerbrauch:
‚Was andere können, das kannst du auch!’“
Es saust die Sense, die knochigen Arme
Schwingen nach vorn: „Dass Gott sich erbarme!“
Kannst du noch schreien, dann bist du wach.
Dein Hauptabteilungsleiter sagt: „Guten Tach
Wünsche wohl zu ruhen, Herr Wichtigmann
Gelobt sei, wer den Büroschlaf ersann.
Nun sei’n Sie hübsch fleißig, ich wüsste zu gern —
Wenn sie so wollen ‚im Namen des Herrn’—
Was über Ihre Barmherzigkeit.
Für etliche Leute ist es soweit:
Wer Fehler macht und kostet zuviel
Den setzen Sie frei, das ist unser Ziel.“
Spricht es, winkt dir „Habe die Ehre!“
Und hinterlässt eine ziemliche Leere.
Du sitzt vorm Computer und fragst dich erschrocken
Ob sie nicht dir längst im Nacken hocken.
War nicht dieser Alptraum der letzte Alarm?
Du bist noch nicht tot, aber bald vielleicht arm.
Da soll doch der Teufel barmherzig sein
Du sitzt noch am Hebel, du bist nicht allein
Was andere können, kannst du auch
Nun mach schon, sonst stehst du bald selbst auf dem Schlauch.
Die Raster her, die Tabellen, nur munter
Wer nicht funktioniert, der geht eben unter.
Das mit dem Tod —Gott sei Dank nur ein Traum.
Wär’ nur nicht diese komische Leere im Raum …

Advertisements

Ramona Raffzahn

Im „Banalama“ fehlt noch der Song der beiden „Bundis“. Ich will nicht sagen, dass er schön ist. Aber er verbindet die Sextouristen unserer Welt womöglich ebenso stark, wie die Bonzen des weltweiten Leistungssport-Kartells. Es wird vermutlich als bedeutendstes System der Korruption und des Drogenhandels neben einschlägigen Mafia-Organisationen in die Geschichte eingehen.

Ramona Raffzahn …

… macht heute wieder die Beine breit
fürn Fuffi West, da ist alles drin in der Möse.
Die Konkurrenz aus den Billiglohnländern ist eben wirkungsvoll
Ein Westpuff ist viel zu teuer und Loch ist Loch.
Geschäft ist Geschäft
Das wär ja gelacht.
Wir lassen uns doch das
Freie Unternehmertum nicht ganz aus der Hand nehmen.
Mein Herz gehört meinem Staat
(das geb ich ihm schriftlich)
aber der wirtschaftet schließlich auch
mit Geld
und die Klamotten sind teuer.
Ramona Raffzahn
macht heute wieder alles möglich für die Kunden.
Fürn Fuffi West kommt auch die beste Freundin mit.
Schlaffi sagt danke. O heiliger Kommerz.
Die DDR hat vierundachtzig
Ihr erfolgreichstes Wirtschaftsjahr.
Die Freundin wartet sonst
Aufs Glück per Annonce.
Heute lassen wir noch mal die Katze aus dem Sack
Café Nord.
Geschäft ist Geschäft
Das wär ja gelacht.
Wir lassen uns doch
Das kann mir keiner
Und alle können mich mal.
Mein Herz gehört meinem Staat
(das geb ich ihm schriftlich)
und seit ich schreiben kann, oft.
er braucht das einfach und manch einer
bekommt so was sogar bezahlt.

Ramona wurde übrigens nach der Heirat mit einem bedeutenden Würdenträger auch Hauptfigur in einem
OLYMPIADRAMA: „Das Bündnis“.

Banalama (Ostberlin 1985)

12
Frau Warum bist du nicht gestorben. Warum bist du wieder hier. Ich will leben, ich will
auch an mich denken. Ich will nicht hier herumhocken und Windeln waschen, ich
bin jung. Geh zu deinem Vater, zu deinem feinen Papa, da kannst du dich breit
machen, scheiß ihm auf seine Autopolster, aber lass mich leben.
Kind 2 Papa, Papa.
13
Frau, Fürsorgerin
Frau Ich gebe sie nicht in ein Heim.
Fürsorgerin Aber es wäre das Beste. Ihr Vater sagt, Sie kümmern sich zu wenig. Der Junge
hatte Untergewicht. Sie arbeiten auch unregelmäßig.
Frau Die Kinder sind oft krank.
Fürsorgerin Und Sie gehen nachts aus.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Nein? Die Nachbarn haben Ihren Vater holen müssen, als Ihr Sohn schwer krank
war. Lungenentzündung. Das Kind schwerkrank, und die Mutter geht nachts aus.
Frau Es kommt nicht wieder vor.
Fürsorgerin Es geht so nicht weiter. Ihr Betrieb beklagt sich. Sie fehlen zu oft.
Frau Die Arbeit strengt mich zu sehr an. Und der Haushalt.
Fürsorgerin Nicht sehr ordentlich bei Ihnen.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Sie sind doch noch jung. Warum suchen Sie sich nicht wenigstens einen Freund,
jemanden, der für Ordnung sorgt.
Frau Die Scheißkerle wollen alle nur eines. Wenn sie haben, was sie wollen, hauen sie
ab. Wer will schon eine Frau mit Kind. Mit zwei Kindern.
Fürsorgerin Wenn Sie kein geordnetes Leben führen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim
einweisen. Sie haben doch ein ordentliches Elternhaus. Warum verstehen Sie sich
nicht mit Ihren Eltern.
Frau Scheiße.
Fürsorgerin Wenn Sie nicht verstehen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim einweisen.
Frau Nicht ins Heim. Ich gebe sie nicht in ein Heim.
14
wie 1 und 2 usw. usf.
15
Richter (verliest die Urteilsbegründung für die Frau — lebenslänglich wegen Mordes am 2. Kind)
Ende

Neuer – alter Text

Im autorenweb und auf buecherbrett. org findet sich – weil’s damals nicht erscheinen durfte, aber erstaunlich aktuell ist: Banalama (Ostberlin 1985).

Banalama (Ostberlin 1985)

11
Vater der Frau, Frau, Sandra
Vater Wo warst du?
Frau Wieso? Wieso bist du hier?
Vater Ich musste den Jungen ins Krankenhaus bringen. Wo kommst du her jetzt?
Frau Wieso, was ist mit dem Jungen?
Vater Ich will wissen, wo du herkommst!
Frau Wo ist das Kind?
Kind Mama.
Frau Nicht du. Wo ist Jonas?
Vater Wenn d nicht redest, siehst du den Jungen nicht wieder. Ich sorge dafür, dass er in
ein Heim kommt. Die Fürsorge weiß schon Bescheid. Also: Wo hast du dich
herumgetrieben?
Frau Lass mich in Ruhe. Sandra, wo ist dein Brüderchen?
Vater Du elende Hu… mit Ausländern treibst du dich rum! Willst du endlich reden!
Rede, sag ich dir, los, rede! (schlägt sie)
Frau (schreit)
Kind (schreit)
Vater Das will meine Tochter sein. Abschaum. Aber dir zeigen wir es. Dich werden wir
noch erziehen. Wir sind schon mit anderen fertig geworden.
Frau Bullenschwein. Scheißstasi. Kommunistensau. Wo ist mein Kind, du Nazi.
Vater Das wird dir noch leid tun.

Banalama (Ostberlin 1985)

9
Blonde, Frau, einige Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes
Blonde Kommst du mit?
Frau Der Kleine ist krank.
Blonde Kann die Große nicht aufpassen?
Frau Sie ist zu klein. Erst drei.
Blonde Die beiden Bundis kommen heute wieder.
Frau Es geht nicht. Er hat Fieber. Vielleicht nächste Woche.
Blonde Mist. Dann muss ich allein gehen.
Frau Vielleicht kann ich nächste Woche wieder.
Blonde Der Kleine ist oft krank.
Frau Ich hätte mir von dem Schwein nicht noch ein Kind machen lassen sollen. Die
Große kann ich allein lassen.
Blonde Schließlich hast du ein Recht auf dein eigenes Leben. Also ich geh dann.
Frau Warte noch. Ich komme mit.
10
Zwei Bundis singen das Lied von Ramona Raffzahn

Banalama (Ostberlin 1985)

8
Mann, Frau, Fernsehen, zum Schluss das Kind
Mann Wo kommst du jetzt her?
Frau Wo soll ich herkommen?
Mann Weißt du, wie spät es ist?
Frau Nein.
Mann Das Kind hat die ganze Nacht geschrieen. Wo warst du?
Frau Aus.
Mann Wo mit wem? Wo warst du aus? Du bist schwanger.
Frau Ich bin müde.
Mann Ich will wissen, was los ist.
Frau Lass mich, sonst schreit das Kind wieder.
Mann Ja. Es ist dein Kind und du treibst dich rum. Schwanger. Ich will wissen, was los
ist.
Frau Nichts. Du bleibst oft genug weg.
Mann Ich habe auch kein Kind.
Frau Nein. Für die Scheiße bin ich da. Für das Kind, für den Haushalt, fürs Bett. Wenn
du keine Lust hast, haust du ab. Dir ist alles egal. Ich bin dir egal, dein Kind ist dir
egal, sogar dein eigenes. Ich will auch noch etwas von meinem Leben haben.
Mann Und wer schafft hier die Kohle ran? Du? Du kannst doch nichts. Wer bist du
schon. Rumtreiben, das kannst du. Die Beine breit machen für andere. Wer weiß,
ob das Kind von mir ist.
Frau Du Schwein.
Kind (schreit)

Banalama (Ostberlin 1985)

6
Mann, Frau, Kind
Kind (schreit)
Mann Tür zu!
7
Mann, Frau, Fernsehen, später Kind
Frau Komm.
Mann Ich bin müde. Ich habe gearbeitet. Ich bin jetzt müde.
Frau Magst du mich nicht mehr?
Mann Doch. Aber ich bin zu müde.
Frau Immer bist du müde. Du magst mich nicht mehr.
Mann Ich muss arbeiten. Für dich, für das Kind.
Frau Du magst mich nicht mehr. Du magst das Kind nicht. Du hast es nie gemocht und
jetzt magst Du mich auch nicht mehr.
Mann Unsinn.
Frau Ich bin schwanger.
Mann Was?
Frau Ich bin schwanger.
Mann Du bist verrückt. Wieso? Seit wann weißt du das? Mein Gott.
Frau Du freust dich nicht einmal.
Mann Wir sitzen immer noch in der engen Wohnung. Es ist nichts da. Nichts ist da.
Noch ein Kind.
Frau Dein Kind. Ich wollte es, weil ich dachte, dass du mich liebst.
Mann Liebe, Liebe. Man muss erstmal was sein. Ohne Geld geht nichts. Und dieses
Loch von Wohnung. Ist eins nicht genug?
Kind Mama. Mama!
Mann Sei still. Ich will nicht noch ein Kind. Ich wollte überhaupt kein Kind. Jetzt ist
eines da, gut, aber das ist genug.
Frau Wohin gehst du?
Mann Ich muss hier raus.
Kind Mama. Mama!
Frau Sei still. Du. Alles machst du kaputt, an allem bist du schuld.

Banalama (Ostberlin 1985)

5
Frau, Ehemann im Auto
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau In der Stadt sind die Knospen schon auf. Hier ist alles grau. Aber die Sonne
scheint.
Mann Wie ein Uhrwerk. Dem merkt man seine hunderttausend Kilometer gar nicht an.
Fahren will gelernt sein.
Frau In den Seen schwimmt noch Eis.
Mann Fahren will eben gelernt sein, verstehst du, dann hält auch der Motor durch.
Frau Ich freu mich so. Schade, dass Sandra nicht dabei ist.
Mann Sie ist ja gut aufgehoben.
Frau Ja.
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau Du fährst eben gut.
Mann Ich könnte stundenlang fahren. Das ist meine Welt. Nur schneller müsste der
Wagen sein. Und schnittiger, moderner.
Frau Ein Mercedes.
Mann Ein Porsche. Und dann los! Rauf auf die Autobahn, und dann können uns alle mal
und uns kann keiner.
Frau Und Sandra streckt den Leuten am Heckfenster die Zunge raus.
Mann Ja.
Frau Aber eine Ohrfeige hättest du ihr nicht geben sollen.
Mann Mir ist die Hand ausgerutscht. Was schreit sie dauernd.
Frau Sie hat schlecht geträumt.
Mann Sie ist verwöhnt, weil du immer gleich hinläufst. Lass sie allein, wenn sie schreit,
damit sie sich daran gewöhnt.
Frau Ja. Sei du nicht mehr böse.
Mann Wir können sie ja öfter zu deiner Freundin geben. Am Wochenende. Ich würde es
schon bezahlen. Sie wünscht sich doch immer ein Kind.
Frau Der Motor läuft wirklich wie ein Uhrwerk.
Mann Jetzt bockt er. Mistkarre, elende.

Banalama (Ostberlin 1985)

4
Frau, Neuer, Beamtin, Kind
Beamtin (liest mehr oder weniger monoton einen mehr oder weniger genormten
Trauungstext ab) … Und nun frage ich Sie, Thomas Bernhard, wollen sie …
Kind (schreit von einem Punkt der Rede an)
Beamtin (hebt kaum die Stimme, ignoriert das Schreien. Wenn das zweite „ja“ gesprochen
ist, verstummt das Kind). Und so erkläre ich Sie für Mann und Frau.